Flüssigsprengstoff (Teil 2)

Intention

Nachdem ich im 1. Teil bereits auf die für mich sehr unbefriedigende Ausgangssituation von Liquid Democracy und somit auch von Liquid Feedback eingegangen bin, möchte ich zu Beginn von Teil 2 einige Begrifflichkeiten erläutern, die ich im folgenden verwenden werde.

1) Liquid Democracy

Da es verschiedene Konzepte von Liquid Democracy gibt, beschäftige ich mich in erster Linie mit den Gemeinsamkeiten, die ich ausmachen konnte: der möglichen Delegation von Stimmen an Delegierte unter Vorbehalt der eigenen Abstimmung. Ich unterscheide hierbei LD mit der Möglichkeit von Kettendelegationen sowie mit eingebautem Verfall der Delegationen.

2) Delegation

Der Begriff der „Delegation“ ist ebenfalls nicht eindeutig klärbar und unterscheidet sich je nach Kontext. Ich verwende ihn hier im Sinne der reinen Weitergabe des eigenen Stimmrechts an einen weiteren Abstimmungsberechtigten.

Ziel meiner Untersuchung soll es sein, festzustellen, inwiefern sich der  oft zitierte Spruch „die Vorteile von LD/LQFB überwiegen für die Nachteile“ überprüfen lässt und wo ich die Gefahren von LD liegen. Den Schwerpunkt lege ich dabei auf eine soziologische, systemische Betrachtung der LD inhärenten Mechanismen und verweise auf bereits bekannte Entwicklungen verschiedener Implementationen von LQFB.

Wozu eigentlich Delegationen?

Wenn man sich mit der Umsetzung von Liquid Democracy in Liquid Feedback beschäftigt, stellt sich die Frage, wieso bei einem Online-tool für kollaboratives Arbeiten und Abstimmungen überhaupt Delegationen verwendet werden. Delegationen bedeuten in einem System (das ohne weiteres ohne Delegationen auskommen könnte, um kollaborative Entscheidungen  ermöglichen zu können) eine weitere Schicht an Komplexität, die sich auch bei der Umsetzung des Wahlverfahrens z.B. in einer Software in erhöhtem Aufwand niederschlägt.

Als wesentliche Begründung für Delegationen werden immer wieder 2 Argumente ins Feld geführt:

  1. Delegationen ermöglichen Mitbestimmung selbst dann, wenn man selbst nicht die Ressourcen (Zeit, Geld, Sachkenntnis) aufbringen kann oder möchte, um sich an einer Abstimmung zu beteiligen.
  2. Delegationen führen Stimmen denjenigen Experten zu, die Ressourcen aufbringen, um bei Abstimmungen qualitativ hochwertige Entscheidungen zu treffen

Die Begründungen sind für sich genommen durchaus richtig und erleichtern die Beteiligung an Abstimmungssystemen. Sie beeinflussen allerdings auch die Erwartungen und Ergebnisse, die aus einem derartigen System kommen. So bedeutet eine Delegation meiner Stimme an eine weitere Person, dass ich meine persönliche Meinung zu einem Thema auf die bereits vorhandene Meinung einer anderen Person abbilde, bei der ich von einer weitestgehenden Übereinstimmung ausgehe. Von dieser Person kann ich lediglich hoffen, dass sie meine Interessen so vertreten wird, wie ich es selbst tun würde. Die persönliche Präferenz zu einem Thema wird also mit der persönlichen Präferenz einer Person vermischt, die meine Meinung bestmöglich wiedergeben soll. Statt meiner eigenen Kenntnis des Themas können jedoch durchaus persönliche Faktoren bei der Auswahl des delegierten eine Rolle spielen, wie Bekanntheitsgrad, Beziehung zu dieser Person in der Vergangenheit, Vermutungen über die Kenntnis des Sachstands dieser Person. Lapidar gesagt: selbst wenn eine thematische Übereinstimmung vorliegt, bedeutet dies nicht zugleich eine moralische Übereinstimmung mit demjenigen, an den man die Stimme delegieren möchte. Diese Vermischung von persönlicher und thematischer Ebene sehe ich als das erste große Problem von Delegationen an. Zwar besteht die Möglichkeit der Rücknahme einer Delegation, allerdings entsteht bei einem „enttäuschten“ Delegierenden (wobei die Enttäuschung nicht zwingend in der Abstimmung begründet sein muss sondern auf externen Effekten beruhen kann) eine emotionale negative Verbindung zum Delegierten, die nicht der Übereinstimmung zukünftiger Sachfragen entsprechen muss.

Durch den beschriebenen Effekt der bei der Vermischung von Person und Themen muss eine Ansammlung von Stimmen bei einem Delegierten nicht unbedingt auf einen Experten zu diesem Thema hinweisen. Hierzu muss man sich nur zahlreiche „Experten“-Kommissionen ansehen, die zu ihnen vollkommen fachfremden Themen Beschlüsse herbeiführen. Man könnte diese Personenbindung bei Wahlen aufheben, indem man lediglich anonyme Abstimmungen erlaubt, allerdings würde dies in Tools mit „Fernabstimmung“ (elektronisch, Briefwahl etc.) eine Überprüfbarkeit der eigenen Stimmverteilung im Nachhinein nicht mehr erlauben. Ein klassischer Catch-22, der gerne bei Diskussionen übergangen wird und unter „man muss für die schnelle Entscheidungsfindung Opfer bringen“ abgehakt wird.

Oft wird als Pro-Argument für die Bildung von Experten mit hohem Stimmenanteil der „Dunning-Kruger„-Effekt angeführt: „Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […] Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, um zu entscheiden, wann eine Lösung richtig ist.“ (David Dunning). Abgesehen davon, dass mit Dunning-Kruger auch ein gutes Argument gegen (!) Delegationen aufgeführt wird (denn woher soll ich wissen, wem ich meine Stimme delegieren soll, wenn ich selbst nicht die Kompetenz habe, um bei dem Thema zu entscheiden?), gibt es durchaus andere gruppenpsychologische Effekte, die gegen einen „Expertenrat“ sprechen, wie die Gefahr des Groupthinks, also die Tendenz einer Gruppe von „Fachleuten“, sich selbst zu bestätigen, alles richtig und gut zu machen, während Kritik in der Gruppe durch den Kollektivdruck unterbunden wird. Unterschätze niemals die Macht institutionalisierten Wissens, selbst dann nicht, wenn es sogar für Nichtexperten offensichtlich unsinnig ist (z.B. „Homo oeconomicus“ als Leitbild volkswirtschaftlicher Überlegungen, oder mal die katholische Kirche fragen)!

Eine kurze Geschichte der Delegation

Die Übergabe von Verantwortung lässt sich ausserhalb von hierarchischen Ordnungen kaum denken. Delegationen können generell in einer Hierarchieordnung von Unten nach Oben verlaufen oder von Oben nach Unten. Die Hierarchie muss dabei nicht machtpolitischer Art sein, sondern es kann sich um verschiedene qualitative Maßstäbe handeln, wie z.B. Informationsvorteile oder die körperliche Befähigung. Bei Liquid Democracy wird davon ausgegangen, dass die Delegation von Unten nach Oben erfolgt, wobei die Begründung für die Delegation nicht eindeutig festlegbar ist und von persönlicher Vorliebe über Anerkennung/Übereinstimmung mit den Positionen bis hin zu schlichter persönlicher Bekanntheit reichen können. Dies hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte nur geringfügig geändert, wobei in der prähistorischen Zeit Anführer einer Gruppe aufgrund ihrer qualitativen Vorteile für das Wohl der Gruppe ernannt wurden oder, wie oben bereits erwähnt, aufgrund persönlicher Präferenzen/Bekanntheit dieser Person. Dies ist bei kleinen Gruppen kein Fehler, sondern eine wichtige Interaktion in jeder sozialer Gruppe. Enttäuschungen z.B. durch Verrat bleiben im Gedächtnis der Gruppenmitglieder und beeinflussen zukünftige Entscheidungen, so dass sich quasi als Rückkopplungseffekt eine dem Wohl der sozialen Gruppen angepasste Verhaltensweise ergibt. Diese Verhaltensweisen lassen sich bereits bei verschiedenen Arten von Menschenaffen nachweisen, wobei die Entwicklung der Kommunikation bei Menschen hin zu Sprache und Schrift bedeutete, dass begangene „Untaten“ nicht mehr durch die Sanktionierenden persönlich erfahren werden mussten, sondern an Dritte (Unbeteiligte) weitervermittelt werden konnten. Wer Twitter und Mailinglisten kennt, weiss, wohin dies führen kann. 😉

In solchen Gruppen ernannte Anführer sprachen nicht für die gesamte Gruppe, sondern hatten weiterhin das gleiche „Stimmrecht“ wie jedes andere Mitglied in der Gruppe (u.a. beschrieben in „Origins of Political Order“ von Fukuyama, zu soziologischen Untersuchungen bei Naturvölkern). Analog zu Liquid Feedback war die „Delegation“ (hier als Übertragung von Verantwortung für die Gruppe)  jederzeit widerrufbar, wenn das Wohl der Gruppe durch die Handlungen des „Anführers“ in Gefahr gebracht wurden. Dies war relativ einfach zu bewerkstelligen, da es keinerlei institutionalisierte Machtbasis gab, wie sie später nach der Entstehung der ersten Staaten existierte, und ein Anführer somit keine große Durchsetzungsmöglichkeit von Strafen – abgesehen von seinem persönlichen Einsatz – hatte.

Delegationen sind also nichts „widernatürliches“ sondern können durchaus als ein schon immer bestehender Bestandteil sozialer Gruppen gesehen werden, die im Laufe der Geschichte allerdings viele Umdeutungen erfahren hat. In den Zeiten wachsender Staaten wurden Delegationen zu einem wichtigen Bestandteil der staatlichen Organisation und halfen, bei eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten eine Ordnung im Staatsgefüge aufrecht zu erhalten. Interessant ist es also, den Effekt von Delegationen in einem Kommunikationsumfeld zu betrachten, das einen hohen Grad an Vernetzung in einer komplexen Umwelt aufweist und dabei kaum noch auf persönliche Kontakte und Erfahrungen der an der Meinungsfindung beteiligten Mitmenschen beruht.

Vox populi, vox Dei?

Ich möchte kurz beschreiben, was eigentlich den Reiz einer kollektiven Meinungsfindung ausmacht, die in der Lage ist, für große Ansammlungen von Menschen ad hoc Handlungsanweisungen zu bilden. In einer komplexen Umwelt überlebt derjenige Organismus, der sich dieser Umwelt am besten angepasst hat. Dies kann durch Anpassung an eine Nische erfolgen, oder durch eine hohe Anpassungsfähigkeit an Veränderungen. Die Spezialisierung auf eine Nische erlaubt es, dass die in dieser Nische zur Verfügung stehenden Ressourcen optimal genutzt werden. Wird dieses Habitat allerdings aufgrund von Umwelteinflüssen zerstört, dann sind Organismen, die nicht anpassungsfähig sind, dem Untergang geweiht. Eine generelle Anpassungsfähigkeit sorgt also in einer Umgebung mit wechselnden Bedingungen dafür, dass Organismen auch bei sich ändernden Lebensbedingungen überlebensfähig sind.

Änderungen in der Umwelt müssen von Organismen wahrgenommen werden können, damit sie darauf reagieren können. Das Feedback der Umwelt und dessen Verarbeitung führt erst zu Reaktionen auf ihr Veränderungen. Vor dem Löwen, den ich nicht sehe, laufe ich auch nicht weg. Dies gilt für Organismen genauso wie für Zusammenschlüsse von Organismen mit sozialen Regeln, die ich hier als Organisationen bezeichnen möchte. Bei Organisationen bestimmen die Kommunikationswege, wie Informationen aus der Umwelt und der Organisation selbst verarbeitet werden. Dies ist bei Menschen oft eine streng hierarchische Form mit einer bidirektionalen, formalisierten Kommunikation, wie bei dem Paradebeispiel Militär, dessen Aufbau sich in den ersten Staatengebilden wiederfindet. Die Lenkung/Steuerung von Organisationen ist also auf die Weitergabe von Informationen angewiesen, wobei die Informationen auf den unterschiedlichen Hierarchieebenen gefiltert werden.

Die Gefahr dieser Vorgehensweise liegt darin, dass wichtige Informationen eben nicht weitergegeben werden, weil ihre Wichtigkeit nicht erkannt wurde, oder weil es Kommunikationsfehler gegeben hat (siehe Challenger-Katastrophe). Normen, Gesetze, Institutionalisierung helfen dabei, die Steuerung von Organisationen  zu erleichtern, allerdings bedeuten sie zugleich eine Aufgabe von Flexibilität in Hinblick auf die Fähigkeit zur Reaktion auf Störungen, die in der Organisation nicht vorgesehen sind, wobei die Störungen durchaus von geschaffenen Strukturen innerhalb der Organisation selbst ausgehen können. Lineare Denkmuster in einer Welt aus positiven und negativen Rückkopplungen tun ihr übriges, um an der Überlebensfähigkeit von Organisationen zu rütteln.

Als Lösungsansatz bietet sich die Methode an, bei der Entscheidungsfindung alle Betroffenen direkt einzubinden, z.B. über Methoden der direkten Demokratie. Die Idee dahinter besagt, dass das Feedback von möglichst vielen Menschen eingeholt werden soll, um darauf aufbauend Entscheidungen zu finden, die zum Fortbestand und „Erfolg“ von Organisationen beitragen  (also „vernünftig“ sind). Die Organisation organisiert sich quasi selbst über die Selbstbetrachtung/Reflexion, die wiederum durch die ihnen angehörenden Individuen erfolgt (Autopoiesis).

Mit dem populären Aufkommen von Kybernetik, Psychologie und Sozialwissenschaften  im 20. Jahrhunderts kamen vermehrt Ideen auf, wie man die gewonnen Erkenntnisse auch politisch verarbeiten könnte. Kernvorstellung dieser Denkrichtung ist die „Weisheit der Vielen„, die in der Piratenpartei als „Schwarmintelligenz“ mehr oder minder zu Ruhm gekommen ist. Doch die „Weisheit“ stellt sich nicht automatisch ein, wenn viele Menschen zusammenkommen, wie jeder wohl bestätigen kann, der  mal einem Oktoberfest oder einem Fussball-Bundesligaspiel beigewohnt hat. Vielmehr gibt es wichtige Grundvoraussetzungen, die erfüllt sein müssen:

  1. Meinungsvielfalt: Innerhalb der Gruppe darf es keine Meinungskonformität geben. Eine möglichst große Zahl subjektiver Erfahrungen erhöht die Qualität des Endergebnisses.
  2. Unabhängigkeit: Die Meinung des Einzelnen ist nicht festgelegt durch die Ansicht der Gruppe, d.h. die Meinung der Gruppe sollte nicht die Meinung des Einzelnen während der Entscheidung bestimmen.
  3. Information: Der Zugang zu Information, die für die Entscheidungen relevant sind, steht allen Mitgliedern der Gruppe offen.
  4. Zusammenführung: Es sind Strukturen vorhanden, die aus den Einzelmeinungen ein Ergebnis ziehen können (also durchaus ein Argument für Delegationen)

Diese Prinzipien finden sich durchweg im Programm der Piratenpartei wieder und lassen sich sehr schön im kurzen Wahlspruch „Denk selbst“ subsumieren. Eine etwas ausführlichere Betrachtung der Zusammenhänge von Programm der Piraten und Erkenntnissen kybernetischer Forschung hatte ich im Beitrag Piraten – Eine Konzeption zusammengestellt, deshalb möchte ich hier nicht weiter darauf eingehen.

Alles fließt – nur wohin?

Wenn man sich die Verteilung der Abstimmenden in LQFB anschaut, wird deutlich, dass es bei vielen Themen bereits 2010 regionale sowie personelle Konzentrationen gab (siehe „Tale of LQFB“ von StreetDogg). Die Konzentrationen sind im Hinblick auf die Prozesse in LQFB (und auch Liquid Feedback) unter Berücksichtigung spieltheoretischer Überlegungen durchaus verständlich. Sie sind meine Hauptsorge.

Ein Delegierter hat zum Zeitpunkt der Abstimmung n Stimmen, die gegen die 1 Stimme derjenigen stehen, die selbst abstimmen und die keine Delegationen auf sich vereinigen. Um eine Parität zu erreichen, müssen sich bei gegensätzlichen Meinungen n Nicht-Delegierende zusammenfinden, um einen Delegierten mit n Stimmen aufzufangen. Der Delegierte hat für den Stimmanteil im Vorfeld Überzeugungsarbeit leisten müssen, dafür ist ihm dieser Stimmanteil bis zum Delegationsentzug gewiss. Die Delegierenden haben bei der Abstimmung einen Aufwand, der gegen Null tendiert, wenn sie nicht nicht gerade die Abstimmung des Delegierten überprüfen möchten. Jedenfalls brauchen sie sich nicht für die Abstimmung zu interessieren, Überzeugungsarbeit zu leisten oder Informationen zu sammeln/Recherche.

Mir ist mindestens eine Variante von Liquid Democracy bekannt, die davon ausgehen, dass es generell nur (!) unverbindliche Meinungsbilder geben kann, denn wenn ein Meinungsbild als definitive Entscheidung übernommen wurde, kann dieses Meinungsbild nachträglich nicht mehr verändert werden, womit die Liquidität aufgehoben wird. Entscheidet sich ein Delegierter also im letzten Moment vor dem Meinungsbild um, müssen die Delegierenden wohl oder übel seiner Meinung folgen. Allerdings würde dieser „Verrat“ wohl mit dem Entzug der Delegationen bestraft werden. Trotzdem ist dies ein gefährliches Einfallstor für die gefürchtete „Politik 1.0“, die mit Hilfe einiger schneller Telefonate die Entscheidungsträger vor einer Abstimmung entsprechend unter Druck setzen kann.

Nicht-Delegierende müssen zwar ebenfalls Überzeugungsarbeit leisten, um Abstimmende von ihrem Standpunkt zu überzeugen (Anhänger mobilisieren), dies allerdings bei jeder Abstimmung neu. Der Aufwand ist hierfür wesentlich höher, als bei einem Delegierten, der z.B. für ein Thema beauftragt wurde. Zudem wiederholt sich der Vorgang der Informationsgewinnung/Recherche bei n Nicht-Delegierenden auch n-mal (unter der Prämisse, dass diese überhaupt stattfindet und in etwa der Recherche eines Delegierten entspricht). Dieser Aufwand wird allerdings erst dann betrieben, wenn überhaupt eine Aussicht besteht, einen Delegierten überstimmen zu können. Wenn zahlreiche Nicht-Delegierende Ressourcen investieren, um dann bei der Abstimmung einem Delegierten zu unterliegen, der mit seinem Stimmpotential die Abstimmung entscheidend beeinflusst hat, werden die Nicht-Delegierenden entweder selbst einen Delegierten „erschaffen“, der als Kristallisationspunkt für ihren Standpunkt dient, oder sie werden der Abstimmung bei dem Thema zukünftig fernbleiben. Desweiteren gibt es die Möglichkeit, vermehrt Überzeugungsarbeit zu leisten (noch mehr Ressourcen investieren)  oder es wird versucht, direkt den Delegierten zu beeinflussen.

Die wahrscheinlichsten Szenarien sind hierbei das Fernbleiben von Abstimmungen, weil die investierten Ressourcen ohne jeglichen Nutzen verloren sind und weitere Investitionen sinnlos erscheinen. Oder es kommt zum Zusammenschluss der Stimmen in einem  oder mehrerenDelegierten. In beiden Szenarien findet eine weitere Konzentration hin zu Delegierten mit hoher Stimmenzahl statt, da die Delegationen zumindest das Gefühl geben, dass man als Gemeinschaft in einer Gruppe abstimmt, die eine gewisse Abstimmungsmacht hat und somit etwas bewirken kann (der Effekt greift auch bei kleinen Parteien, die sich der 5%-Hürde soweit nähern, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Überspringen hoch ist, bzw. umgekehrt, wenn der Wert weit unter 5% sinkt). Für die an Abstimmungen beteiligte Personen bietet sich also nur dann ein Anreiz zur Informationsbeschaffung und zur Gewinnung von Delegationen, wenn die Wahrscheinlichkeit gegeben ist, dass sie selbst zu einem Abstimmung beeinflussenden Delegierenden werden können. Alle anderen delegieren oder bleiben der Abstimmung schlichtweg  fern. Eine Entwicklung, die eigentlich dem entspricht, was wir bei den Bundestagswahlen sehen, nur dass die Delegationen in LD jederzeit entzogen werden können, was zumindest die Delegierten dazu zwingen würde, das ganze Jahr so zu handeln, als ob Wahljahr wäre. Qualitativ bessere Entscheidungen, die in einer komplexen Umgebung notwendig wären, sind dadurch allerdings nicht zu erwarten, da der positive Effekt einer Beteiligung aller bei der Wahl durch die Delegationen fast vollständig aufgehoben wird.

Im Hinblick auf die weiter oben genannten Kritierien für eine „Weisheit der Vielen“ erfolgt zwar eine Aggregation der Stimmen hin zu wenigen Delegierenden, die ein Entscheidung beeinflussen können, allerdings auf Kosten der Varietät, der Unabhängigkeit und der Informationsgewinnung. Die so getroffenen Entscheidungen entsprechen nicht mehr dem Wissen von Vielen, sondern letztlich der Sichtweise einiger weniger Delegierter mit hoher Stimmmacht. Die Delegierten müssen dabei nicht zwangsläufig Experten in ihrem Themengebiet sein oder eine Sichtweise haben, die den aggregierten Sichtweisen ihrer Delegierenden entspricht, denn die sachfragenbezogene Transitivität der Delegation ist nur dann gegeben, wenn die Delegation ausschließlich bei einer festgelegten Abstimmung erfolgt und dann auch vollumfänglich dem Willen des Delegierenden entspricht. Bei einer Themendelegation geht die sachfragenbezogene Transitivität in den oben genannten Übertragungen von sachfremden Kriterien unter. Man kann also nicht davon ausgehen, dass ein Delegierter, der eine Abstimmung in einem Thema aufgrund seiner Delegationen beherrscht, in diesem Thema ein Experte ist.

Die psychologischen Effekte bleiben bei einer weitestgehend „normalen“ Verteilung von Selbstabstimmenden ohne größere Delegationen aussen vor. Auch bei homogenen Gruppen mit ähnlichen Ansichten zu einem Thema kommt es nicht zu einer Anhäufung der Delegationen. Ebenfalls unbedenklich ist der Einsatz von LQFB in einem Umfeld, das regional stark begrenzt ist, mit einem Optimum einer persönlichen Bekanntschaft der Abstimmenden. Die negativen Effekte von Delegationen (und insbesondere Kettendelegationen)  treten dann massiv auf, wenn es um polarisierende Themen geht. in diesem Fall  beeinflussen sie die Abstimmungen durch die Art des Prozesses der Abstimmung, nicht durch die den Teilnehmern zur Verfügung stehende Information zum Thema. Die Notwendigkeit einer breiten Informationskampagne zur Gewinnung von Unterstützern (siehe Schweiz bei Volksabstimmungen) besteht nur noch für die Delegierten und kann im Falle eh schon ausreichender Anzahl von Delegationen ganz unterbleiben. Herrschaftswissen wird nicht mehr weitergegeben und eine Weitergabe wird von den Delegierenden so lange nicht verlangt werden, bis sie nicht selbst zu Delegierten werden wollen oder die Delegation zu übertragen wünschen. Je größer die Stimmmacht der Delegierten allerdings ist, desto weniger wahrscheinlich ist die Transformation eines Delegierenden zu einem Delegierten. Selbst der eingebaute Verfall von Delegationen, der hier effektmildernd eingeführt werden kann, würde keine dauerhafte Lösung bieten.

Resümee

Aus den zuvor beschriebenen Betrachtungen folgt für mich:

  1. LD ist ohne systemische Effekte bei kleinen, homogenen Gruppen anwendbar.
  2. Die beschriebenen Effekte führen auf Dauer zu einer Zentralisierung des Stimmgewichts/der Meinungen
  3. Delegationen dürfen, wenn überhaupt, nicht auf Dauer vergeben werden, sondern müssen zeitlich begrenzt bleiben
  4. Liquidität Democracy auf elektronischer Basis verhindert nicht die aktuell bereits vorhandenen Probleme, sondern beschleunigt die Prozesse, die zu Konzentration von Macht und den damit verbundenen Problemen der Beeinflussung führen
  5. Die Kriterien für eine „Weisheit der Vielen“ sind nicht mit den Liquid Democracy inhärenten Prozessen vereinbar

Das für mich erstrebenswerte Ziel einer möglichst breiten Beteiligung an demokratischen Prozessen und der damit verbundenen Möglichkeit qualitativ hochwertiger Entscheidungen unter Berücksichtigung der Vorstellungen der Betroffenen wird von Liquid Democracy und auch von der Implementierung LQFB nicht erfüllt.

Direkte Demokratie eignet sich mMn nicht für die Festlegung schneller Entscheidungen, auch wenn die Zentralisierung der Entscheidungsgewalt letztlich nur von „Superdelegierten“ ausgehen würde. Demokratische Mitbestimmung kann und darf kein Fulltime-Job sein, sondern die Betroffenen müssen selbst entscheiden können, bei welchen Entscheidungen sie sich selbst einbringen möchten, weil es ihre Lebenswirklichkeit betrifft. Hier bietet LD zumindest oberflächlich Abhilfe.

Eine Abgabe von Verantwortungen durch Delegation sehe ich allerdings sehr kritisch, denn aus der Sicht des Delegierenden wird ein Stück weit Vertrauen gegen eine Abgabe von Verantwortung eingetauscht. Man wählt zwar SPD/CDU und ihre Abgeordneten, fühlt sich aber nicht als Wähler verantwortlich, wenn diese Abgeordneten „falsche“ Entscheidungen treffen. Alternativen werden so lange nicht wahrgenommen, bis diese Alternativen selbst ein bestimmtes Quorum erreicht haben (wie erwähnt spielt hier die 5%-Hürde eine große Rolle, siehe hierzu auch den Verfassungsrechtler Hans Herbert von Arnim).

Die elektronische Form benötigt zudem zwingend Klarnamen, die wiederum einer geheimen Abstimmung im Wege stehen, wie sie für Abstimmungen mit freier Entscheidungsmöglichkeit notwendig wäre. Wenn ich Entscheidungen treffen muss, die für mich negative Konsequenzen haben könnten, wenn diese bekannt werden, obwohl sie meiner inneren Überzeugung entsprechen, werde ich mich anders entscheiden (siehe auch Problematik von Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen). Eine Pseudonymisierung der Nutzer entspricht zwar der Möglichkeit, relativ unerkannt bleiben zu können, allerdings erschwert die Pseudonymisierung den Erhalt von Delegationen in einem Liquid Democracy-Umfeld.

Insgesamt müssen für eine Einführung von LD als Abstimmungsideologie dermaßen viele demokratische Errungenschaften geopfert werden, dass für mich als Piraten eine Einführung nicht in Frage kommt. Die wenigen Vorteile, die es für Personen gibt, die nicht selbst abstimmen wollen, werden mit den hier beschriebenen massiven Nachteilen bei Abstimmungen erkauft. Von freier, geheimer und gleicher Abstimmung kann nicht mehr die Rede sein, also Grundlagen, die nicht nur bei Wahlen entscheidend sind. Im direkten Vergleich würde ich einer Implementierung einer direkten Demokratie den Vorzug geben, auch in Anbetracht des Nachtteils, dass sich an Abstimmungen auch Personen beteiligen, die nicht den „Qualitätsstandards“ selbsternannter Expertengruppen entsprechen. Derartige „Störfeuer“ sind durchaus wichtig in Organisationen, die sich Liquidität nicht nur dem Namen nach verschrieben hat.

Die fehlende Konzeption im Vorfeld von LD (siehe Teil 1) macht sich bei der Ausführung bemerkbar. Die bisher aufgetretenen Effekte wie Konzentrationen von Stimmanteilen bei „Superdelegierten“ sind keineswegs behebbare Probleme der Bedienung von LQFB und einer damit erhofften Akzeptanzsteigerung, sondern systemimmanente Probleme von Liquid Democracy, die mMn nicht ohne vollkommene Umstrukturierung des Konzepts behoben werden können. Der bessere Weg wäre die Einführung einer direkten Teilnahme mit der späteren Integration von sehr eingeschränkten Delegationen. Liquid Feedback sollte in erster Linie (ohne Delegationen!) dazu verwendet werden, um kollaborativ Anträge und Positionen zu entwickeln und temporäre Meinungsbilder einzuholen, die dann auf Parteitagen (oder einer LD-fernen SMV-Instanz) abgestimmt werden. Letzten Endes gibt es nichts liquideres als eine direkte Demokratie. Im Hinblick auf die Ursprünge des Delegated Votings bleibt mir nur zu konstatieren, dass bei LD wesentliche soziologische und poltikwissenschaftliche Grundlagen missachtet wurden und das Konzept entweder komplett überarbeitet oder verworfen werden muss. Ich bitte daher ausdrücklich darum, LD (vor allem nicht in seiner Implementierung LQFB) nicht als Basis für eine SMV zu verwenden.

 

 

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2 Kommentare zu Flüssigsprengstoff (Teil 2)

  1. Rudi sagt:

    Hi,

    ich wollte anmerken, dass obwohl 20-50% aller Teilnehmer im Bundesliquid an jemand anderen delegieren, lediglich ~10% der Teilnehmer nie selbst abstimmen. Die vermeindlich typischen Fire and Forget Delegationen also selten sind. Oder andersherum: das LD Feature „entweder stimmt mein Delegierter ab, oder ich selbst“ wird umfangreich genutzt.
    http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:R%C3%BCdiger/LQFB#Nutzungsstatistiken

    Bis einschließlich 2012 hat die LQFB Community auch insofern „funktioniert“ das die Anzahl der direkt abgegebene Stimmen etwas höher war als die der deligierten. (ebd)

    Ganz entschieden funktioniert das System LQFB insofern, daß die Anträge die durch LQFB hindurchgelaufen sind, eine höhere Annahmewahrscheinlichkeit auf den Parteitagen haben, als Anträge die nicht dort durchgelaufen sind. 70% statt 60%
    http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:R%C3%BCdiger/LQFB#Summe

    Falls Du eine Idee hast, welche Zahlen ich dir aus dem LQFB Dump rausziehen soll, um eine Deiner These belegen oder falsifizieren zu können kontaktiere mich bitte.
    Aus meiner Warte funktioniert LD und LQFB unter den Voraussetzungen daß es „ordnungsgemäß“ betrieben wird.

    • Ekynos sagt:

      Hallo Rudi,

      erstmal vielen Dank für die aktuellen Zahlen zu Liquid Feedback. Mein Blogeintrag liegt ja bereits einige Jahre zurück und beruht zu einem Teil auf älteren Zahlen aus dem Jahr 2011 (siehe u.a. hier http://streetdogg.wordpress.com/2011/04/22/the-tale-of-liquid-feedback/). Deshalb ist es sehr interessant zu sehen wie sich die Nutzerzahlen seitdem entwickelt haben.

      In erster Linie ist es schwer, durch die nackten Zahlen etwas über die Intention der Nutzer zu erfahren, die für meine Überlegungen eine große Rolle spielen. Das wichtigste Merkmal für mich ist die Aggregation von Stimmen in den einzelnen Abstimmungen, also die Abhängigkeiten zwischen Delegierten und Delegierenden, die bei den von dir ermittelten Zahlen nicht deutlich widergegeben werden. Aber die Zahlen spiegeln, wie ich meine, trotz der hohen Fluktuation von Mitgliedern, einige Trends wieder, die ich bereits vermutet habe.

      Die von dir genannten „Fire and Forget“-Delegationen waren für mich keine große Sorge. Es gibt immer wieder Nutzer, die ein System ausprobieren und später das Interesse verlieren. Schwierig ist es allerdings, hier zwischen denjenigen zu unterscheiden, die einerseits – wie von mir behauptet – das System nicht mehr verwenden, weil sie keine Chance gegen Superdelegierte haben, und denjenigen, die einfach mit dem System nicht klarkommen, den Piraten den Rücken gekehrt haben oder schlichtweg das Interesse an der Software verloren haben. Dies könnte man nur durch entsprechende Umfragen herausbekommen.

      Interessant ist für mich, dass der Anteil der Delegierten an dem Prozess – wie vorhergesagt – gestiegen ist, während der Anteil der Delegierenden gesunken ist. Ob dies nun mit den von mir beschriebenen Phänomenen zu tun hat, kann ich nicht sagen. Allerdings erscheint es mir von der Spieltheorie her erklärbar, das Personen mit einem höheren Einfluss auf das „Spielgeschehen“ ein vermehrtes Interesse am Fortbestand des Spiels haben, als „einfache Delegierende“. Inwiefern spielen hier zudem Kettendelegationen eine Rolle? Ist es bei den Zahlen nicht möglich, zugleich Delegierender als auch Delegierter zu sein?

      Die höhere Annahmewahrscheinlichkeit freut mich, da sie zeigt, dass die Themen in LQFB zumindest etwas besser den Willen der Versammlung auf Bundesparteitagen abbildet, als ohne LQFB. Allerdings könnte man auch davon ausgehen, dass die LQFB-Themen generell die eher bei Piraten beliebten Themen pushen, während andere Methoden nahezu nicht gegeben sind. zumindest wäre es für Arbeitsgruppen ein wichtiges Feedback, ob ihr Antrag auf einem BPT eine Chance hätte. Bitte verstehe mich nicht falsch: ich sehe LQFB als großartige Möglichkeit der kollaborativen Zusammenarbeit und für Feedback zu Anträgen, aber es ist für mich aufgrund meiner Überlegungen als Abstimmungstool nicht tragbar. Die Zahlen von Streetdogg sprechen da immer noch eine recht deutliche Sprache. Es wäre daher interessant, eine Befragung der Mitglieder durchzuführen (z. B. im Rahmen soziologischer Studien), um ihre Erfahrungen mit LQFB analysieren zu können.

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