Flüssigsprengstoff (Teil 1)

Neverending Story ohne Vorgeschichte

Die Faszination des Themas Liquid Democracy in der Piratenpartei ist auch nach 3 Jahren dauerhafter Diskussion noch immer ungebrochen. Man sollte meinen, dass bereits alle Argumente von allen Seiten gebracht wurden, mittlerweile sogar von jedem, und beide Seiten haben geflissentlich die Argumente der jeweiligen Gegenseite ignoriert, herabgesetzt oder gleich ad hominem mit der ungebrochenen Gewalt eines Kreuzzugs der Gerechten ™ niedergemäht. Um die Hintergründe von Liquid Feedback geht es dabei äusserst selten und man muss schon einige Jahre zurückschauen, um auf die recht umfangreiche Magisterarbeit von Sebastian Jabbusch zu stoßen, in der er sich damals ausgiebig mit dem Thema beschäftigt hat.

Es hat mich bereits kurz nach der Einführung von Liquid Feedback gewundert, dass man sich um die Auswirkungen und Entstehungsgeschichte von Liquid Democracy kaum Gedenken gemacht hatte. Wo kam LD her, was waren die grundlegenden Gedanken hinter LD, welches Menschenbild steckt dahinter, hatte man sich Gedanken über die Gefahren gemacht, die dieses System mit sich bringen würde?

Through the Looking Glass

Bei meinen Recherchen stieß ich auf sehr spärliche Hintergrundinformationen, die im Wesentlichen darauf hinausliefen, dass die Idee spontan in einem Forum entstanden sei (David Cary) und sich lose an Delegated Voting von Lewis Carroll orientieren würde. Also betrieb ich Ursachenforschung und stellte am 28. Juni 2012 auf der Mailingliste RLP fest:

„The Principles of Parliamentary Representation“ von Lewis Carroll ua. Autor von „Alice in Wonderland“). Das Original von 1884 gibt es hier:
http://ia700401.us.archive.org/16/items/ThePrinciplesOfParliamentaryRepresentation/The_principles_of_parliamentary_represen.pdf

Jeder Wähler erhält eine Stimme. Am Abschluss der Wahl wird die Zahl der abgegebenen Stimmen durch die Zahl der Ämter + 1 dividiert.

Beispiel:
12000 abgegebene Stimmen, 30 Ämter, ergibt: 12000/(30+1) ~= 387

Um ein Amt zu erhalten, benötigt man also 387 Stimmen.

Jeder der 30 Kandidaten, der diese Quote erfüllt, gilt als gewählt. Hierbei verbleiben allerdings einige Ämter unbesetzt.

Die nicht gewählten Kandidaten versammeln sich beim Wahlleiter und können dann (!) entscheiden, ihre Stimmen zusammenzulegen., um dann aus ihrem Kreis Kandidaten zu ermöglichen, die Quote zu erfüllen.

Was das mit Liquid Democracy zu tun hat? So gut wie garnichts. Carroll selbst beschreibt in seinem Buch (Desiderata und Chapter III) mehrere der Gründe, die gegen LD selbst sprechen, wie zB. das Ansammeln von Delegationen VOR einer Abstimmung, die Auflösung des Prinzips „1 man 1 vote“ usw. Es ging ihm in erster Linie um eine Vermeidung von Stimmen, die umsonst abgegeben wurden, weil aus ihnen nicht die Wahl eines Kandidaten resultierte. Wir kennen das Prinzip ua. von unseren LPTs, bei der so mancher Kandidat in einem Wahlgang eben nicht über die 50%-Hürde gekommen ist und wir neu wählen mussten. Es gibt auch keine namentliche Nennung bei der Abstimmung, weil Carroll gerade festlegt, dass diese nicht mit demokratischen Grundsätzen vereinbar ist.

Also wenn dieses Werk als „Grundlage“ für den Gedanken von Liquid Democracy genommen wurde, dann sei mir die Frage erlaubt: warum nicht direkt Alice im Wunderland? Da wurde der Sinn hinter „The Principles Of Parliamentary Representation“ absolut nicht verstanden. Carroll hat als Mathematiker sogar bewiesen warum einige grundlegenden Ideen von LD so nicht funktionieren können und selbst eine Methode entwickelt, um zB. das Condorcet Paradoxon zu vermeiden (Dodgon’s Methode, Carrolls eigentlicher Name lautet Charles Dodgson). Nächste Anhaltspunkte wären wohl Mikael Nordfors, Bryan Ford, James Green-Armytage und Michael Allen, die auf Wikipedia genannt werden, aber es kostet enorm Zeit für die Recherche.

The same horror again and again?

Der Weg führte mich also in die Irre, auch wenn die Weiterverfolgung der Ideen von Dodgson aufschlussreich für seine Arbeiten als Mathematiker gewesen wären. Nachdem ich erfolglos versuchte, weitere Informationen über die Grundlagen von LD zu erhalten, hakte ich das Thema für mich intern zunächst ab. Man kann nichts überprüfen, für dessen Existenz keine Beweise vorliegen.

Mit dem Aufkommen der Diskussion zu SMV wunderte ich mich erneut über die Hartnäckigkeit, mit der das Thema Onlineabstimmungen weiterhin verfolgt wurde. Ich hatte mehrere aufschlussreiche Gespräche mit Befürwortern und Kritikern von LD und LQFB, allerdings vermisste ich weiterhin die Begründung, wieso ein System wie Liquid Democracy eine Verbesserung des bestehenden Status Quo sein würde.  Für mich entstand der Eindruck, dass zwar das Ziel verfolgt wurde, eine höhere Beteiligung der Mitglieder an demokratischen Prozessen zu verfolgen, dass man sich aber bei der Verfolgung des Ziels nicht kritisch mit der Wahl der Werkzeuge auseinandersetzen wollte. Es herrschte eine „wenn du es baust, werden sie kommen“-Mentalität, die ich selbst bei den intelligentesten Vertretern der Piratenpartei feststellen konnte. Im besten Falle diskutierte man stundenlang das Für und Wider der offensichtlichen Schwächen wie die kaum zu vereinbarenden Widerspruch zwischen Datenschutz/Informationelle Selbstbestimmung und Transparenz/Vermeidung von Manipulationen. Diesen Diskussions-Deadlock mit Spaltung in Befürworter und Gegner gilt es mMn bei der SMV unbedingt zu vermeiden und von einer Basis auf LD bei der SMV vollständig abzusehen.

Es ist wohl verständlich, dass ich nach meinen Recherchen mit einem gewissen Misstrauen dem gesamten Prinzip Liquid Democracy und seiner Form der Implementierung in LQFB gegenüberstand und sich dieses Misstrauen zudem auf die Diskussion um die SMV übertrug, bei der ähnliche Argumente wie damals bei der Einführung von LQFB ins Feld geführt werden. Ich werde mich im nächsten Post in Kürze mit den Auswirkungen von Delegationen und Kettendelegationen in LD/LQFB beschäftigen, denn die daraus resultierenden Gefahren überwiegen imho bei weitem den daraus zu ziehenden Nutzen.

 

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4 Kommentare zu Flüssigsprengstoff (Teil 1)

  1. Klaus Löfflad sagt:

    Also hier steht eine völlig andere Geschichte:

    http://de.m.wikipedia.org/wiki/Delegated_Voting#section_1

  2. Pingback: Flüssigsprengstoff (Teil 2) | eKynos | Cave canem

  3. Rudi sagt:

    „…allerdings vermisste ich weiterhin die Begründung, wieso ein System wie Liquid Democracy eine Verbesserung des bestehenden Status Quo sein würde. …“

    Im aktuellen Status Quo _muß_ ich mich entweder
    – immer um _alle_ anstehenden Entscheidungen kümmern und selbst abstimmen. Oder die Abstimmung denjenigen überlassen, die genug Zeit haben selbst abzustimmen. (Basisdemokratie)
    Oder
    – einmal delegieren, und für den Rest der Wahlperiode mich nicht an den Abstimmungen beteiligen. (repräsentativ)

    In LD habe ich die Freiheit mich je nach anstehender Abstimmung
    – selbst abzustimmen (Wie in der Basisdemokratie)
    – meinen Delegierten abstimmen zu lassen (wie in der repräsentativen Demokratie)
    – den anderen die Entscheidung zu überlassen (wie als Nichtwähler in beiden Demokratieformen)

    Diese zusätzliche Wahlmöglichkeit ist ein _Freiheitsgewinn_ für den Einzelnen. Bzw eine Verbesserung seiner Partizipationsmöglichkeiten.

    Für die Gruppe ergibt sich eine _erhöhte_ Beteiligung bei den Abstimmungen und damit ein „größerer Konsens“.

    • Ekynos sagt:

      Hallo Rudi,

      bitte entschuldige die späte Antwort auf deine Kommentare. Ich wollte mir deine Zahlen in Ruhe ansehen und mir vorab eine umfassende Meinung bilden, bevor ich antworte. Den Punkt mit dem Freiheitsgewinn habe ich im Blogpost beschrieben und auch, wieso ich denke, dass dieser Freiheitsgewinn lediglich am Anfang einen Gewinn darstellt und das System zwangsläufig aufgrund der Delegationen (und evtl. der fehlenden Nachvollziehbarkeit im Kontrast zur notwendigen Anonymität) früher oder später kippen muss.

      Ich sehe es auch so, dass eine Erhöhung von Optionen in Systemen mit einem Freiheitsgewinn einhergeht. LQFB ermöglicht eine einfache Teilnahme an demokratischen Prozessen durch eine hohe Verfügbarkeit und eine erhöhte Transparenz bei Abstimmungsprozessen.

      Für mich ist allerdings der Knackpunkt, dass LQFB eine Abbildung der bereits implementierten demokratischen Verfahren mit Wahlen alle 4 Jahre anbietet, allerdings in einer beschleunigten Form. LQFB bietet also einen vereinfachten Zugang, erhöhte Optionen, mehr Entscheidungsspielraum so lange man, ähnlich einem Schneeballsystem, zu denjenigen gehört, die Abstimmungen anhand ihrer Stimmen entscheiden können. Allen anderen wird Beteiligung lediglich vorgegaukelt, sie verkümmern zu „Stimmvieh“. Das ist eigentlich eine Abbildung bestehender demokratischer Verhältnisse mit dem gravierenden Nachteil, dass ich durch Beeinflussung von Superdelegierten ganze Abstimmungen kippen lassen kann. Das ist für mich der negative Punkt der „Demokratie“, wie wir sie in D derzeit erleben. Dadurch dass du die Menge der Teilnehmer und die Frequenz der Wahlen erhöhst bleiben aber die Abläufe der Beeinflussung der „gewählten“/delegierten Repräsentanten.

      Für mich ist die einzige Hoffnung, dass dadurch, dass eben direkt eine Delegation aufgehoben werden kann, eine „Bestrafung“ des abweichenden Delegierten erfolgen könnte. Bei den in der BRD stattfindenden Wahlen scheint das Gedächtnis der Wähler jedenfalls bei Nichtumsetzung von Wahlversprechen eher löchrig zu sein. Gibt es deinerseits Zahlen/Anhaltspunkte, die darlegen, wie oft ein Superdelegierter vor der Abstimmung umgeschwenkt ist und wie die Delegierenden diesen Vorgang „abgestraft“ haben? Dies wäre ein Zeichen für ein lebendiges, funktionierendes System.

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