Dramadreieck

Mein Dank gilt heute Julia Schramm, die vorzüglich aufzeigt, wie man geschickt kontroverse Themen besetzt, für die Verbreitung dieser Themen ordentlich Gegenwind kassiert und dadurch in eine Opferrolle gerät, die man für die persönliche Karriere ausnutzen kann. Anscheinend hat sich keiner der Verteidiger und R(e/i)tter jemals gefragt, wieso diesem bemitleidenswerten und verfolgten „Opfer“ im Zuge der Geschichte ein angeblich hochdotierten Buchvertrag, ein Amt im Bundesvorstand der Piraten sowie eine massive mediale Präsenz widerfuhr. Es gibt wohl schlimmeres im Leben. Also ist sie Opfer? Oder doch eher Täter?

Als „Dramadreieck“ bezeichnet man in der Transaktionsanalyse die Beziehung zwischen „Opfer“, Täter“ und „Retter“. Die Rollen können dabei je nach Situation wechseln, wenn zB. das Opfer Rache übt und dadurch selbst zum Täter wird. Am Anfang steht jedenfalls Julia, die Retterin. Ob es wahr ist oder nicht, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen, aber meine erste Kenntnis von Julia erhielt ich in der Form von Julia als Vertreterin der Rechte gemobbter Frauen in der Piratenpartei. Es gab trotz Nachfrage meinerseits nie einen Kontakt zu einer dieser Frauen, aber es muss sie tatsächlich gegeben haben, denn Julia berichtete stolz von ihrer Arbeit mit den „Opfern“ in der Presse. Dies empfand ich damals als merkwürdig, denn wenn man „Opfern“ helfen möchte, dann zieht man eigentlich nicht mit deren Geschichte in die Presse, sondern verhilft den Opfern zur Selbsthilfe und schützt diese vor Publicity. Aber vielleicht habe ich das in den 25 Jahren meiner Tätigkeit im Deutschen Roten Kreuz schlichtweg falsch verstanden und ich hätte um Menschen mit Problemen zu helfen zuerst der Rhein-Zeitung Interviews geben sollen. Jedenfalls wurden in der Partei die ersten Stimmen laut, die kritisch hinterfragten, inwiefern es Julia um den zu helfenden Frauen ging und inwiefern es hier um die Selbstdarstellung in der Rolle der Retterin ging.

Die Retterin tauchte als nächstes in Spiegel Online auf, mit einem Artikel zur Spackeria: „Wir müssen uns von der Idee privater Daten im Internet verabschieden“. Beeindruckend, wie hier die Politik der Piratenpartei als Datenschutzpartei invertiert und dann auch noch mit guten Pressekontakten veröffentlicht wurde. Die Reaktionen waren entsprechend negativ, denn es wurden grundeigene Ziele der Piraten verraten und die daraus resultierende Publicity prompt in die Selbstvermarktung investiert, inklusive späterer Ankündigung eines Buches. Die Diffamierungen, die im Web verbreitet wurden, waren selbst Anlass zu mehreren Artikeln, ua. auf Telepolis. Der Gegenwind, der ihr entgegenschlug wurde also als Rechtfertigung benutzt, um sich selbst gegen derartige Verleumdungen zu engagieren, die sie selbst erst provoziert hatte. Damit war die Erfindung des Perpetuum Mobiles gelungen, wie ein Nutzer im Heiseforum treffend bemerkte.

Spätestens hier ist schon nicht mehr klar, wieso man Julia Schramm als Opfer bezeichnen sollte. Eine Situation, die sie vollverantwortlich herbeigeführt hat, die sie sogar durch die Wahl ihrer Worte und die Art ihres Auftretens in den Medien zunehmend befeuerte und aus denen sie nachhaltigen Nutzen gezogen hat, sollte sie als „Opfer“ kennzeichnen? Worte, die sie übrigens mit Übernahme ihres Amtes nahezu allesamt revidierte? Das ist auch mit dem besten Willen logisch nicht mehr nachvollziehbar. Spätestens hier hatten sich im Dramadreieck die Rollen vertauscht: die diffamierenden „Täter“ waren tatsächlich ausgenutzt worden, um durch die entstandene Publicity der „Verfolgung“ die Selbstvermarktung voranzutreiben. Die „Retter“, also Personen aus ihrem näheren Umfeld, die Julia schützen wollten, waren zu nützlichen Idioten geworden, die eine eigentlich gewollte Situation bekämpften und damit den Streit nur noch anfachten. Julia musste garkeine Position im Streit um ihre Person mehr beziehen, denn einerseits verteidigten aufrechte Retter das Burgfräulein, während auf der anderen Seite der wütende Mob nach der Hexe verlangte; beide Seiten im aufrechten Glauben, für das Gute und Edle zu streiten. Und wenn zwei sich streiten…

Jetzt könnte man meinen, dass dies alles nur Zufall wäre und dass die Situation so nicht willentlich herbeigeführt wurde. Diese wackelige These möchte ich hiermit entschieden entgegnen. Julia Schramm ist während ihres Studiums ua .mit den Schriften des Politologen Slavoj Žižek in Kontakt gekommen, wie ua. ihren Blogeinträgen zu entnehmen ist. Žižek neigt zu Ausschweifungen und langatmigen, selbstverliebten Textpassagen, aber hier sehe ich keinerlei Parallelen zu mir bekannten Piraten, deshalb komme ich direkt zu einem großen Thema von Žižek: „Viktimisierung im narzisstischen Selbstverhältnis des postmodernen Subjekts“ („Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien“, Merve Verlag, Berlin, ISBN 3-88396-081-0) Auf gut Deutsch: Žižek vertritt die These, dass wir uns in der modernen Gesellschaft selbst eine Opferrolle aussuchen, um uns zu gefallen und daraus mediale Vorteile erzielen. Bei Adorno und Horkheimer kann übrigens in Anlehnung dazu zum Stichwort „Elemente des Antisemitismus“ die „pathische Projektion“ nachgelesen werden, die argumentativ in eine ähnliche Richtung geht. Inwiefern Julia den von Žižek genannten Theorien folgt, kann ich nur vermuten. Es gibt jedenfalls eine große Übereinstimmung zwischen diesen Theorien und ihrem Handeln. Ob hier letztendlich Koinzidenz oder Korrelation vorliegt, mag jeder anhand der vorliegenden Presseartikel und Blogeinträge von Julia selbst entscheiden.

Für meinen Teil wünsche ich jedenfalls allen Teilnehmern an dem Spiel noch viel Vergnügen. Ich werde mich auf die gelegentliche Portion Popcorn beschränken und beende diesen Eintrag mit einem großartigen Musikstück (des leider viel zu früh verstorbenen Georg Kreisler) das mir in solchen Situationen immer in den Sinn kommt: „Als der Zirkus in Flammen stand

 

 

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Ein Kommentar zu Dramadreieck

  1. Schalom Heiko,

    1. Voll genial, daß Du über die – meist eher mäßig gelungenen – Argumentationen hinaus den Leuten auch ein bißchen KNOWHOW gibst….
    und die TA (TransAktions-Analyse) ist echt sehr hilfreich.

    2. Klaro fehlt mir noch der Außen-Bezug – also der Frage, wer denn nun die 100kE wert war – und ob zB die Privat-Piraten („BasisPirat“) einfach indirekt ans SchäfchenScher-Messer geliefert wurden.

    3. Voll hübsch ist der Bezug zu Zizek – und der Histrionische Narzißmus dominiert die Medienwelt, wie auch von zB Affelia gepflegt, den man auch als invertierte Egopathie (Wolf im SchafsPelz – ist nix Neues) bezeichnen kann (Problematik bei fast allen psychiatrischen Problemen).

    4. Mein Modell einer 4-teiligen TA-Struktur, die als 7-stufige DoppelSchleife bei http://www.Mitheit.de dargestellt wurde, finde ich äußerst viel hilfreicher, da die kollektive Verortung – hier über zB BuVo-Mitgliedschaft – fast immer als Personalität bedeutsam wird.

    5. Andersrum: Ohne die kollektiven Defizite zweiseitiger Identitäten gäbe es nicht soviel Depersonalisierung, was wieder umgekehrt zu dem strukturellen Täter/Opfer (/Retter)- Ungleichgewicht führt.

    6. Kurz gesagt: The Murx is the Message… wobei der Murx nicht vom SekundärSubjekt, sondern vom SekundärSklaverei-Staat her kommt – und JuliaS ist mE schon ein Opfa,
    jedoch des Kleinstadt-Sexismus, der jungen Frauen das echte Denken systematisch zerstört, um sie als Macker-Maträtzchen nutzen zu können.

    7. ParallelBeispiele Affelia, Zeitrafferin und gerade auch BettinaW zeigen, wie wenig echte MeinungsFreiheit (junge) Frauen haben… und wie sehr sie letztlich nur eine negative DefinitionsMacht nützen können, um andere hinten herum noch mehr zu bescheißen, als sie eh schon beschissen wurden.

    8. Simpel – ohne Liebe gibts keine MenschenWürde; ohne MenschenWürde keine MädchenWürde, ohne MädchenWürde keine FrauenAchtung; und ohne FrauenAchtung werden alle als Kinder nur Opfer – und bleiben es innerlich ein Leben lang.

    9. JuliaS, die ich automatisch im Berlin/Piraten/…Umfeld kennenlernen durfte, sollte also eine sozialkritisch angelegte Ganzheits-LebensAnalyse machen – und wäre dann fähig, ein Buch nicht nur aus der verdeckten Opfa und SekundärTäter-Perspektive zu schreiben,
    sondern mal zufällig was direkt und klar und konsequent und konsistent aussagen,
    was dann auch nicht dumm wäre, weil Widersprüche zeigen keine Intelligenz (steht im Buch so ungefähr), sondern daß man einfach nicht zuende gedacht hat.

    10. Also wünsche ich allen, daß die wöchentlich an einem http://www.Lerntag.de ihr Leben mal er-lernen… indem sie zuerst sich kapieren – und die vielfachen nicht nur individuellen, sondern auch kollektiven KommunikationsKanäle und InteressenKonflikte – durch eine http://www.LiebesLinie.de.

    Oh – das war etwas mehr als ich sagen wollte 😉 😀
    Happy peace, salomon

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