Die Kapelle spielt bis zum Schluss – Vom Untergang der CDU

Auf der Rückfahrt vom Infostand in Rheinbach hörte ich auf Deutschlandradio Kultur die Sendung „Tacheles“, in der Michael Kretschmer von der CDU auf Martin Delius, parlamentarischer Geschäftsführer der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus traf. Dabei stellte Kretschmer einen „Vorzug“ der CDU vor, der mir sehr zu denken gab: die Verlässlichkeit für den Wähler aufgrund der Werte, die der Piratenpartei ja fehlen würde.

Wäre ich an einer Polemik interessiert, könnte ich nun rhetorisch fragen, welche Werte die CDU in den Jahrzehnten ihrer Existenz denn nicht schon verraten hätte, angefangen vom „C“ in ihrem Namen über den „ehrenhaften Ehrenvorsitzenden“ Helmut Kohl bis hin zu Frau Merkel, deren Wertekanon im Falle der Atomkraft ein erstaunlich breites Spektrum offenbarte. Nein, ich erlaube mir den Spaß und nehme Herrn Kretschmers Theorie ernst. Gehen wir einmal von der Prämisse aus, dass die CDU dem Bürger eine Verlässlichkeit bietet, die auf festen Werten beruht.

Wenn wir unsere Umwelt betrachten, können wir eines feststellen: nichts ist unveränderlich. Die Welt befindet sich in einem permanenten Wandel, Panta rhei, wie nicht nur die Rheinländer wissen, sondern auch schon Heraklit zu deuten wusste: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen“. In einer sich permanent ändernden Umwelt kann nur derjenige überleben, der sich permanent den Bedingungen anpasst. Ein Prinzip, das uns aus  Evolution und Soziologie vertraut vorkommt.

Kretschmer postuliert nun, dass die CDU in dieser Welt eine verlässliche Konstante bildet. Das bedeutet: die CDU ist strukturell so aufgebaut, dass die verlässliche Ergebnisse liefert, also Ergebnisse, die unabhängig von der verstrichenen Zeit gleich bleiben. Etwas anderes kann die CDU auch nicht liefern, denn die Struktur, die in den 50er und 60er Jahren aufgebaut wurde, bezog sich auf die damaligen Verhältnisse ua. in Deutschland und der Welt, dh. sie kam mit den damaligen Verhältnissen vermutlich hervorragend zu recht, wie die damaligen Wahlergebnisse mit Adenauer belegen.

Wenn sich nun aber die Einflüsse der Aussenwelt verändern und somit eine geänderte Ausgangssituation vorliegt, bedeutet dies nicht, dass eine CDU, die die gleichen Handlungen wie damals vollzieht, für sich und ihre Umwelt positive Ergebnisse erzielen kann. Damit will ich nicht sagen, dass es der CDU nicht möglich wäre, ihr Wahlprogramm beliebig auszutauschen; in der Beliebigkeit hat Frau Merkel die Messlatte gewiss sehr hoch für eventuelle Nachfolger gelegt, was innerparteilich ja nicht ohne Kritik geblieben ist. Nein, es geht viel mehr um die Kommunikationsstrukturen innerhalb der Partei, in der immer noch die gleichen Informationskanäle und Hierarchien „herrschen“, wie in der Ur-CDU, trotz aller gesellschaftlichen Entwicklungen ausserhalb ihrer Strukturen.

Vor diesem Hintergrund ist die Verlässlichkeit, von der Kretschmer spricht, zugleich ein Zeichen für die Unfähigkeit der CDU, ihre Strukturen so zu reformieren, dass sie auf geänderte Einflüsse reagieren kann. Die CDU wird zwar noch von denen gewählt, die sich bereits seit mehr als 40 Jahren zu der CDU bekennen, aber deren Lebenswelt entspricht nicht mehr derjenigen der nachfolgenden Generationen. Eine eigenständige (!) Jugendorganisation gibt es im Falle der CDU nicht, sondern in der Jungen Union kommen lediglich diejenigen nach oben, die sich den traditionellen Strukturen der CDU am besten anpassen. Eine Veränderung, eine Ablösung durch die nachkommende Generation kann so nicht stattfinden.

Jetzt könnte man Kretschmer natürlich auch so deuten, dass es ja die Werte sind, die die CDU ausmachen und dass die Werte Lösungen für die Probleme bilden, die eine geänderte Umwelt mit sich bringen, quasi als Handlungs-Rahmen. Doch wie entstehen Normen und Werte eigentlich? Ich unterscheide hier  zwei verschiedene Entstehungsmöglichkeiten:

1) Werte und Normen entwickeln sich durch soziale Interaktionen in einer Gesellschaft und werden nach und nach schriftlich fixiert
2) Werte und Normen werden von „oben“ herab diktiert und einer Gesellschaft aufgezwungen

Wenn ich nun von einer sich ständig ändernden Umwelt – in diesem Falle einer Gesellschaft – ausgehe, dann ändern sich auch unsere Werte ständig, es findet ein sogenannter „Wertewandel“ statt. Eine Organisation wie die CDU, die sich Werte vorgibt, muss diese Werte also ständig überprüfen, wenn sie sicher gehen will, dass ihre Wertvorstellungen denen der Gesellschaft noch entsprechen. Hierfür ist es aber unerlässlich, dass es eine Art Rückkanal gibt, dh. die Informationen, die die CDU über die Gesellschaft und die an ihr teilnehmenden Menschen erhält, müssen die für Anpassungen notwendigen Schaltzentralen erreichen, damit es zu einer Strukturumänderung kommen kann. Dies ist aber – strukturell – in der CDU nicht vorgesehen, ja sogar unerwünscht, denn Karriere in der CDU macht nicht derjenige, der störende Einflüsse von Aussen hereinträgt, sondern derjenige, der die Rituale und Kommunikationswege – sprich die Ordnung – innerhalb der CDU nicht stört.

Die Werte, die in der CDU angeblich vorherrschen, können also lediglich von den Spitzenpositionen vorgegeben werden, siehe Punkt 2 der Möglichkeiten. Dies bedeutet wiederum, dass Veränderungen nur entstehen können, wenn diese von Personen kommen, die zuvor den gesamten Apparat der CDU durchlaufen haben, ohne sich Abweichungen zu schulden kommen zu lassen. Sollte es trotzdem zu Änderungen der Werte kommen, müssten diese gegen den Widerstand der Struktur durchgesetzt werden, würden also für eine Instabilität sorgen, die – wenn man Kretschmer so deuten darf – nicht gewünscht ist, weder von der CDU noch vom Wähler.

Es ist tragisch, dass Kretschmer dabei nicht einmal in der Lage ist, seinen eigenen Werdegang zu hinterfragen, denn all diese Ideen könnten ihm selbst kommen, wenn ihm bewusst wäre, dass es seinen erlernten Beruf des Büroinformationselektronikers selbst erst wenige Jahrzehnte gibt. Es wird also eine Wirklichkeit ausgeblendet, in der es rasante Entwicklungen gibt, um zugleich eine „Verlässlichkeit“ zu beschwören, die keinerlei Zukunft haben kann. Oder, bedeutend negativer ausgedrückt: das Kapital der CDU ist die Angst der Menschen vor Veränderungen, womit die CDU „konservativ“ nicht im Sinne von „Lebensqualität bewahrend“ sondern im Sinne von „alte Denkschemata auf neue Situationen anwenden“ definiert. Dass sich nun CDUler damit lautstark in Radiosendungen brüsten, zeigt eigentlich, dass es selbst in den Spitzenpositionen der CDU kein Bewusstsein für die eigene Situation gibt (vielleicht noch Herrn Geißler ausgenommen). Die CDU fährt fröhlich in den Untergang und macht keine Anstalten, dem Eisberg ausweichen zu wollen. Letztendlich macht man ja gute Fahrt und die Stimmung an Deck ist hervorragend!

Nach der Sendung „Tacheles“ lief die Sendung „Kakadu“, in der sich das Deutschlandradio kindergerecht bestimmten Themen widmet. Das Thema der Folge lautet „Eisberg voraus! Vor 100 Jahren versank die Titanic“. Zufall? Ich glaube nicht.

 

 

 

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