Piraten – Eine Konzeption

Vorwort

Über viele Jahre hinweg habe ich Informationen über mich, meine Mitmenschen und die Welt, die uns umgibt zusammengetragen. Inspirierend war dabei für mich vor allem das Buch „Gödel, Escher, Bach“ von Douglas R. Hofstadter, der in beeindruckender Weise Kunst, Musik und Mathematik verknüpfte. Ob ich, ähnlich wie Achilles, jemals mein Ziel erreichen werde, eine holistische Erklärung für die Welt zu finden, wage ich zu bezweifeln. Doch ich denke, ich kann dazu beitragen, unsere Welt vielleicht ein wenig besser zu verstehen und vielleicht ein wenig ein Bewusstsein dafür entwickeln, was die Piratenpartei im Innersten eigentlich ausmacht und wo ich Zusammenhänge in dieser angeblich „programmlosen“ Partei sehe.

Autonomie

„Man kann nicht Charakter und Mut schmieden, indem man Initiative und Unabhängigkeit lähmt.“ Abraham Lincoln

Einer der Kernpunkte meiner Betrachtungen ist das Konzept der „Autonomie“, im Sinne einer Selbständigkeit im Handeln, die wiederum auf der Möglichkeit der freien Entfaltung beruht. Diese Autonomie ist in der Bundesrepublik Deutschland in Artikel 2 des Grundgesetzes als Recht verankert: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“, eine Regelung die ua. auf den Kategorischen Imperativ von Kant zurückzuführen ist: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Der Mensch strebt bereits von Geburt an nach Autonomie, indem er nach und nach die Muster in seiner Umgebung erkennt und beginnt, sich als Person herauszubilden, von der Umwelt abzugrenzen. Das Lernen – nicht nur der Selbständigkeit – erfolgt dabei über die Sinne und das positive bzw. negative Feedback auf eigene Handlungen.

Sozialisierung

„Wie im Samen der ganze Baum veranlagt ist, so ist im Menschen der Staat veranlagt.“ Aristoteles

Es mutet paradox an, dass der Erkenntnisprozess, der zur Bildung einer eigenen Persönlichkeit führt, gerade dadurch entsteht, dass die Umwelt, beim Menschen zu Beginn vor allem Verhaltensweisen der Eltern, nachgeahmt werden. Verantwortlich für die Nachahmung sind ua. die Spiegelneuronen, deren Aufgabe darin besteht, Verhaltensweisen in unserer Umwelt nachzuahmen und die somit für die soziale Interaktion sowie für die Empfindung von Empathie (Mit-Gefühl) unerlässlich sind. Der Mensch braucht soziale Kontakte zu Mitmenschen, um „menschlich“ zu werden (Zoon politikon), strebt aber zugleich nach einer Autonomie, um unabhängig zu sein. Ich denke, dass sich zwischen diesen beiden Polen ein Großteil der „menschlichen Komödie“ abspielt, die bereits unzählige Künstler zu ihren Werk inspiriert hat.

Zwischen Autonomie und Gesellschaft

„Beschreibung des Menschen: Abhängigkeit, Wunsch nach Unabhängigkeit, Bedürfnisse.“ Blaise Pascal

Wie lassen sich nun Autonomie und soziales Zusammenleben vereinbaren?  Ich denke, dass der Schlüssel für die Auflösung dieses scheinbaren Widerspruchs in der größtmöglichen Handlungsfreiheit durch Rekombination erlernter Verhaltensweisen in einer möglichst nicht restriktiven Umgebung beruht, die Platz für Experimente, aber auch Platz für soziale Interaktionen gewährt. Die soziale Interaktion sorgt für eine Bindung untereinander, die auf gegenseitigem Respekt und Anerkennung der jeweils anderen Personen beruht. Die so gebildete soziale Gruppe ermöglicht es ihren Mitgliedern, durch Kombination des individuellen Wissens und Kenntnisse Leistungen zu erbringen, die über die Möglichkeiten des Einzelnen hinausgehen. Hierfür ist eine größtmögliche Varietät in der Zusammensetzung der Gruppe entscheidend. Es bildet sich durch die Belohnung für gemeinsame Handlungen sozusagen als Feedback eine Solidarität heraus, die auf der Autonomie von Einzelpersonen beruht, die sich gegenseitig in ihrer Verschiedenartigkeit als nützlich für die Gesellschaft sehen. Dies ist ein wichtiger Ansatz gegen Xenophobie, die zu einem Teil auch in Abgrenzungsschwierigkeiten von nicht-autonomen Individuen gegenüber ihrer Umwelt beruht.

Kollektiv

Denn die Menge, von der der einzelne kein tüchtiger Mann ist, scheint doch in ihrer Gesamtheit besser sein zu können als jene Besten; nicht jeder Einzelne für sich, sondern die Gesamtheit, so wie die Speisungen, zu denen viele beigetragen haben, besser sein können als jene, die ein Einzelner veranstaltet.“ Aristoteles

Eine Gruppe von autonomen Lebewesen, die sich zu einer gemeinsamen Aufgabe zusammenfinden, wird in der Summe immer nur eine Entscheidung treffen können, die in etwa dem Durchschnitt ihrer Kenntnisse entspricht. Daher ist für das Individuum ein möglichst hoher Bildungsstandard zu garantieren, der sich wiederum in qualitativ besseren kollektiven Entscheidungen niederschlägt. Die kollektive Willensbildung, beispielsweise durch direkte Demokratie, ist dabei nicht auf die Geschwindigkeit der Entscheidung ausgelegt, sondern qualitativ, also auf die Lebensqualität bzw. Überlebensfähigkeit der Gruppe in ihrer Umwelt.

Eine hervorragende Möglichkeit der Vernetzung zur Herausbildung einer Kollektiven Intelligenz bietet hierbei das Internet. Der Begriff „Schwarmintelligenz“ trifft hier meiner Ansicht nach nicht ganz zu, denn der Begriff ist sowohl biologisch als auch in der Erforschung der Künstlichen Intelligenz anders definiert als eine reine Aggregation menschlicher Intelligenz. Auch das Beispiel von Wikipedia als Ergebnis einer solchen Zusammenarbeit scheint mir nicht korrekt zu sein, da es sich mMn – vor allem bei der deutschen Version – bei Wikipedia eher um ein Expertensystem handelt.

Das Zusammenführen verteilten Wissens ermöglicht eine Rekombination, aus der neue Erkenntnisse und Lösungsansätze hervorgehen können. Wichtigster Punkt bei der Zusammenführung ist dabei die freie Verfügbarkeit der Daten, die zu neuem Wissen kombiniert werden sollen. Mit fortschreitender Entwicklung neigen Systeme dazu, an Komplexität zu gewinnen. Man erkennt dies sehr gut an der wissenschaftlichen Forschung, die Jahr für Jahr zunehmende Daten sammelt, die Grundlagen für weitere Forschungsarbeiten und Entwicklungen bieten. Die Komplexität der Forschung erhöht sich dadurch zwangsläufig, da zunehmend selbst unwichtig erscheinende Umgebungsvariablen beachtet werden müssen, die zB. durch Rückkoppplungseffekte enormen Einfluss auf das Ergebnis haben können. Nach Ashby’s Law gilt: „Je größer die Varietät eines Systems ist, desto mehr kann es die Varietät seiner Umwelt durch Steuerung vermindern.“ Als Beispiel für die zunehmende Komplexität sei hier die Erforschung neuer Medikamente erwähnt, die nicht zuletzt aufgrund der bisher betriebenen Untersuchungen über die Zusammenhänge im Menschen, die selbst wiederum komplexe System darstellen –  zunehmend aufwendiger wird und durch Patente behindert wird.

Piraten

„Die Piraten sind die Lobbypartei toxischer Kräfte“ Frank A. Meyer

Zuletzt möchte ich die – hier nur kurz angerissenen – Punkte in Korrelation zu den Zielen der Piratenpartei setzen.

Freier Zugang zur Bildung – Der freie Zugang dient dazu, den Menschen zu einer größtmöglichen Autonomie zu verhelfen, die wiederum – wie beschrieben – positive Effekte auf die Gesellschaft hat.

Bedingungsloses Grundeinkommen – Das BGE bietet eine sichere Existenz und ist Grundvoraussetzung für die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe ohne Angst vor Repressionen. Das BGE wahrt die Unabhängigkeit der einzelnen Person.

Basisdemokratie – Sie ist Grundvoraussetzung, um  allen Menschen die Mitgestaltungsmöglichkeit ihrer Umwelt zu bieten.

Digitale Gesellschaft – Die Vernetzung ist eine Grundvoraussetzung für die Kollektive Intelligenz.

Freie Software – Bietet allen Menschen die Möglichkeit, von der digitalen Gesellschaft zu partizipieren

Geschlechterpolitik – Stellt die persönliche Entfaltungsmöglichkeit unbesehen des Geschlechts in den Vordergrund

Abschaffung von Hartz IV – Wiederherstellung der Selbstbestimmung des Individuums, das nicht als ausgegrenzter Bittsteller in einer Gesellschaft existieren darf. Siehe auch Ausführungen zu Solidarität und Empathie.

Informationelle Selbstbestimmung – Kontrolle über die eigenen Daten ist ein wichtiger Bestandteil der Autonomie

Integration – Sowohl für die Varietät der Kollektiven Intelligenz als auch für die Solidarität ein wichtiger Bestandteil

Ablehnung von Monopolen – Monopole verhindern eine freie Entwicklung durch Beschränkung der Vielfalt und Schaffung von Monokulturen, die durch die mangelnde Flexibilität anfällig für Ausseneinflüsse sind.

Patentwesen – Behindert den freien Austausch von Wissen zur Bewältigung komplexer Aufgaben und wird somit zu einem Hemmnis in der Forschungsarbeit.

Ablehnung von Rassismus – Rassismus verhindert die Bildung einer Kollektiven Intelligenz, indem sie Individuen aufgrund willkürlicher Merkmale aus der Gruppe ausschließt und damit auf wertvolles Wissen verzichtet.

Transparenz – Zum Treffen bestmöglicher Entscheidungen ist es unerlässlich, dass zu relevanten Informationen freier Zugang besteht.

Trennung von Staat und Religion – Der Staat muss als kollektive Einrichtung unabhängig von Religionen sein und zugleich den ihm zugehörigen Bürgern ein größtmögliche Freiheit in der Religionsausübung gewähren, so lange sie nicht die Religionsfreiheit Dritter gefährdet.

Umweltpolitik – Nachhaltigkeit ist die Sorge für die Lebensfähigkeit der Gesellschaft, quasi eine Art Aufgabe von persönlicher Freiheit/Autonomie durch Verzicht, um zukünftigen Generationen Autonomie und Freiheit zu sichern.

Die Zukunft?

„Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.“ Perikles

Die Piratenpartei hat einen rasanten Aufstieg erfahren, weil sie, wie ich hier darzulegen versucht habe, einige Kernpunkte der menschlichen Existenz aufgegriffen hat und mit Hilfe der Rekombination neuer Lösungswege und -möglichkeiten das Fundament für eine Partizipation aller Menschen an politischen Entscheidungen gelegt hat. Ich denke, dass das Modell „Piratenpartei“ noch eine große Zukunft vor sich haben wird, wenn es gelingt, die etablierten Strukturen in unserer Gesellschaft aufzubrechen und durch neue Formen der Partizipation und Selbstbestimmung zu ersetzen. Dabei ist es wichtig, dass die alten Hierarchien nicht lediglich durch neue ersetzt werden, sondern das Hauptaugenmerk muss auf kollektiven Entscheidungen beruhen, die sich innerhalb der Grundregeln menschlichen Zusammenlebens abspielen, wie ich sie oben erwähnt habe.  Der Piratenpartei gehört die Zukunft und die etablierten Parteien werden es sehr schwer haben, ihre Strukturen so umzustellen, dass sie eine passende Antwort auf die Piraten bieten können, ohne selbst ihre Identität zu verlieren. Dabei denke ich, dass das Chaos, das in den „Strukturen“ der Piraten steckt, zugleich die gefährlichste Waffe ist, denn es ermöglicht das schnelle Herausbilden von Reaktionen auf Umwelteinflüsse, die hierarchisch-monolithisch festgelegte Strukturen schnell auseinander brechen lassen können.

Nachwort

Zahlreiche Punkte habe ich nur sehr oberflächlich angerissen. Auf die Systemtheorie und Kybernetik zur Unterstützung der Kenntnisse über die Kollektive Intelligenz wäre ich gerne näher eingegangen, aber allein diese Forschungen würden jeglichen Zeitrahmen, der mir zur Verfügung steht, sprengen. Die neurobiologischen Untersuchungen zum Aufbau des Gehirns mit Auswirkungen auf unser soziales Leben und unser Lernen sind ebenfalls ein weites und sehr interessantes Themenfeld, das ich hier nur kurz anreissen konnte. Ich werde zukünftig zu dem einen oder anderen Thema gewiss ausführlicher schreiben und dabei auf die Querverbindungen der einzelnen Wissenschaften eingehen. Über kritisches Feedback vorab freue ich mich jedenfalls.

 

 

 

 

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2 Kommentare zu Piraten – Eine Konzeption

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