Einige Gedanken zum Tanzverbot

In einer Philosophie-Sendung auf ARTE wurde einmal eine sehr schöne abgewandelte Erklärung des Begriffs „Xenophobie“, also Fremdenhass, gebracht: „Xenophobie ist die Angst davor, sich selber fremd zu werden.“ Kirchen als Institutionen – wie eigentlich alle soziale Gruppen – leben davon, sich voneinander abzugrenzen, denn nur wo Unterscheidung ist, herrscht auch zugleich das Gefühl von Identität. Bei Religionen ist es sehr wichtig, dass ein Teil der eigenen Identität aufgegeben wird, um einem „höheren“ Zweck zu dienen, dh. Individualität wird der Gruppe untergeordnet, die sich selbst wiederum den Regeln unterwirft, die ein höheres Wesen ihnen – angeblich – gegeben hat. Kirchen sind institutionalisierte Religionen, in denen die Regelungen nicht mehr durch Individuen überprüft werden, sondern durch die Gemeinschaft, dh. an die Stelle einer moralischen Überprüfung und Selbstverantwortung durch mich selbst wird die Überprüfung der Befolgung der Regeln durch die Gruppe gesetzt. Das manifestiert sich dann zB. darin, dass die „Kirchengemeinde“ stetig überprüft, wer sonntags in den Gottes“Dienst“ geht und wer die Regeln der Gemeinschaft verinnerlicht hat (Katechismus).

Toleranz bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich Akzeptanz im Sinne einer Akzeptanz der Notwendigkeit eines „Aussen“ um sich selbst als abgegrenzte, eigenständig Gruppe sehen zu können. Das der Gruppe Fremde wird akzeptiert, weil man sich über das Fremde quasi als Feedback der eigenen Eigenständigkeit versichern kann. Ich denke, dass diese Verhaltensweise gerade der katholischen Kirche zu schaffen machen wird, da die sehr stringente Strukturen mit einer geringen Varietät aufweist, die nicht auf äussere „Störungen“ eingehen kann. Anders gesagt: der Struktur „Kirche“ fehlt die Anpassungsmöglichkeit an äussere Einflüsse und somit zeigt sich auch schnell die Grenze der Toleranz, die menschlich, vom Einzelindividuum in der Struktur durchaus gegeben sein kann, die aber für die Struktur als Gesamtheit untersagt werden muss, um die eigene Ordnung nicht zu gefährden. Die Intoleranz beruht also hier auf der Angst, die eigene Identität zu verlieren. Und genau das ist in dem einleitenden Satz so wunderbar ausgedrückt, auch wenn er auf den ersten Eindruck wie eine Fehldefinition wirkt.

Auf das Thema „Tanzverbot“ bezogen geht es also nicht darum, ob man an dem Tag tanzen darf, was angeblich einer „Missachtung Gottes“ entsprechen würde, sondern es geht auf einer Metaebene um die Deutungshoheit der Kirche, die sie für ihre Selbstdefinition braucht. Deshalb kommt seitens der Befürworter des Tanzverbots das Gegenargument (oder eher „Drohung“) der Abschaffung der Kirchenfeiertage, denn diese sind in erster Linie Identifikationsmerkmale der Gruppe mit dem Aufruf zu gemeinsamen Handlungen/Ritualen, die „Aussenstehenden“ nicht zur Verfügung stehen sollten, wenn sie diese streng reglementierten Handlungen – und damit auch die Identität – hinterfragen. Das ist das Tragische, wie ich finde: die im Neuen Testament von Jesus gepredigte humanistische Toleranz stößt auf die strukturelle Intoleranz der Kirchen und führt auf beiden Seiten zu Hass.

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