Kunst, Mode, Kitsch und Kultur

Die Kunst, keine Kultur zu sein

Kunst wird gemeinhin als Teil der Kultur verstanden. Ich denke, dass diese Auffassung dem Begriff der Kunst nicht gerecht wird und zusammen mit einer Vermischung verschiedener Bedeutungen des Begriffs „Kultur“ zu keiner zufrieden stellenden Definition des Begriffs „Kunst“ führen kann. Denn „Kultur“ ist einerseits im Deutschen der Sammelbegriff für Musik, Kunst und Malerei, andererseits aber der Begriff für ein menschliche Gemeinschaften verbindendes Element gemeinsamer Normen und Werte.

"Kultur (von lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur." (Wikipedia)

Als schnöder Sammelbegriff ist der Begriff „Kultur“ daher viel zu Schade. Fasst man Kultur dagegen – wie in Wikipedia – als eine Ansammlung von Memen, die durch Sozialisierung, insbesondere dem Lernen von Normen, innerhalb einer Gemeinschaft festgelegt werden, kann man den Begriff „Kunst“ klar trennen: Kultur definiert das informelle Regelwerk in einem System, das zu dessen Erhalt dient; Kultur ist damit per se Konvention und Ordnung.

Kunst dagegen hinterfragt die bestehende Kultur, regt neue Denkanstöße ausserhalb dieser Kultur an und bricht kulturell vorgegebene Denkmuster auf. Eigenschaften, die man gemeinhin der Kreativität zuordnen würde. Wird Kunst gesellschaftlich assimiliert, also von der Kultur vereinnahmt, wird sie zu Kitsch. Kunst steht für mich für das Chaos, das kreative Schaffen ausserhalb von Systemzwängen und somit gerade als Kontrapunkt zur Kultur. Kunst, die als „Kultur“ vermarktet wird, hat schon längst aufgehört, Kunst zu sein; sie wurde zur Ware degradiert.

Ist das Kunst, oder kann das Kitsch?

Jedes Kunstwerk ist nach diesem Verständnis aus seiner Zeit heraus zu betrachten, also im Kontext der Normen und Werte der Gesellschaft seiner Zeit. Der Künstler stellt sich ausserhalb dieser Normen, er experimentiert mit neuen Techniken, er schafft andere Blickwinkel auf die Gesellschaft, indem er sich über bestehende Normen hinwegsetzt. Werden diese Normen allerdings von der Gesellschaft aufgegriffen, werden sie zur Mode. Es entstehen die ersten Kopien, die als Mem verbreitet werden, bis hin zum Aufgehen in den kulturellen Errungenschaften einer Gemeinschaft. Sie werden zu Kitsch, zur Mona Lisa, die von tausend T-Shirts prangt und an jedem Souvenir-Stand in Paris käuflich erworben werden kann. Das damals Revolutionäre, wie der leichte Silberblick der Dame im Porträt, wird tausendfach modifiziert und kopiert. Die Revolution selbst wird zum Kitsch, zum Che Guevara-Anstecker an der Ladenkasse.

Die Entstehung der Entarteten

Ich möchte diese Gedanken anhand der sogenannten „entarteten Kunst“ im Dritten Reich näher erläutern. Der Versuch der Nationalsozialisten, neben der „deutschen Wissenschaft“ eine „deutsche Kultur“ zu schaffen, führte dazu, dass Kunstwerke, die nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen, als „entartet“ bezeichnet und verboten wurden. Die Kunst wurde normiert und alles ausserhalb dieser Kunst als „entartet“ gesehen. Nach meiner Sichtweise wurde damit aber lediglich eine Trennung vollzogen, die eh bereits faktisch existierte: eine Kunst, die per Definition ja unabhängig von kulturellen Vorgaben sein muss, hört auf, Kunst zu sein, wenn sie sich der Kultur unterordnen muss. Aus den freischaffenden Künsten wurde Kitsch wie die verklärte Bauernromantik, oder die Herrenmenschen-Abbildungen eines Arno Breker, immer orientiert am „edlen griechischen“ Schönheitsideal einer rassistisch verklärten und staatlich geförderten Ideologie.

Die Frage stellt sich somit, ob eine Staat überhaupt Kunst fördern oder ob sein Wirken sich lediglich auf Kultur beziehen kann. Der Staat ist als Organisationsform in erster Linie an dem Erhalt der ihm innewohnenden kulturellen Errungenschaften interessiert. Das Fördern von Kunst, die mitunter gerade diese Kultur in Frage stellt, kann sich somit als kontraproduktiv erweisen. Auf der sicheren Seite befindet sich ein Staat, der kulturelle Einrichtungen wie Theater und Opern unterstützt, in denen die 100. Aufführung des Freischütz in nahezu unveränderter Form aufgeführt wird. Durchaus ein kulturelles Erlebnis, aber ist das noch Kunst? Würde der Regisseur den Freischütz in die Moderne verlegen, würde der Freischütz somit neue Blickwinkel auf aktuelle gesellschaftliche Probleme ermöglichen, er würde ein Stück künstlerische Freiheit zurückerlangen, die dem Stück durch das automatisierte Herunterspielen genommen wurde. Ob zum Beispiel Brechts Nachkommen und Rechteinhaber ihm und seinen Werken einen Gefallen getan haben, indem sie auf Ausführung dieser Werke möglichst nahe am Original bestanden? Das Urheberrecht erweist sich hier wieder einmal als größter Feind der Kunst, obwohl es eigentlich ihrer Förderung dienen sollte.

Kunst lebt von der Variation, von Vielfalt. Das bedeutet, dass auch Kitsch durch Entfremdung, durch Entfernung seiner kulturellen Identität, wieder zu Kunst werden kann. Ein Staat muss akzeptieren, dass Kunst niemals gesteuert, wohl aber gefördert werden kann, und selbst dann nur ausserhalb der Schablone wirtschaftlicher und ideologischer Anforderungen. Diese Freiheit der Kunst wird in Deutschland vom Grundgesetz (Art 5) garantiert, hindert die Politik und Medien aber nicht daran, immer wieder auf’s Neue „Leitkulturen“ definieren zu wollen, nach denen „Kunst“ als identitätsstiftend gefördert wird. Doch wo um Kultur gekämpft wird, ist die Kunst stets das erste Opfer.

Willkürenritt

Nietzsche, der sich von einem glühenden Bewunderer Richard Wagners zeit seines Lebens zu einem entschiedenen Gegner seiner Werke wandelte, schrieb in seinem Zarathustra das oft zitierte „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Der junge Nietzsche bewunderte den angehenden Künstler Wagner, der sich gegen die Normen seiner Zeit wandte, mit den Regeln und Konventionen brach, klassisch versinnbildlicht in der Figur des Wotans in Der Ring der Nibelungen, der die von ihm selbst gegebenen Regeln bricht. Ein leuchtender Stern in der bräsigen Ordnung des nachrevolutionären Deutschlands. Später wandelten sich die Motive Wagners hin zur christlichen Weltanschauung und Ästhetik, der Leitkultur seiner Zeit. Diesen Schritt vom Künstler hin zum Kulturschaffenden, vom kritischen Revolutionär (der Wagner vielleicht selbst nie gewesen ist) zum Vorzeigeobjekt einer neu erwachsenen deutschen Identität, hat Nietzsche ihm nie verziehen. Schuf Wagner am Ende seiner Karriere dennoch Kunstwerke, oder war dies bereits die handwerklich hochwertige Verkitschung der Erwartungshaltung seiner Bewunderer und Förderer?

In der schleichenden Vereinnahmung ruht vielleicht die größte Gefahr für Künstler. Wenn die eigene Kunst zur Kultur wird, wenn damit gesellschaftliche Erwartungshaltungen einhergehen, die immer und immer wieder erfüllt werden müssen, wenn das kreative Chaos der Routine weichen muss, wenn man sich von seinen eigenen Werken entfremdet, weil sie nicht mehr aus einem inneren Antrieb, sondern aus äusserem Zwang zur Konformität heraus entstehen, dann stirbt das Selbstbild des Künstlers als selbstbestimmtes Subjekt, gebunden durch Verträge als Opfer seines eigenen Erfolgs. Und am Schluss finden sich im Souvenirladen nicht nur T-Shirts mit Aufdrucken der Mona Lisa und Nietzsche-Sprüchen wieder, sondern auch von Kurt Cobain, der mal sagte: „Ich hoffe, dass ich sterbe, bevor ich Pete Townsend werde.“ War Nietzsche eigentlich Künstler?

Entarte Kunst
http://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Kunst

Mona Lisa
http://de.wikipedia.org/wiki/Mona_Lisa

Nietzsche Contra Wagner
http://de.wikipedia.org/wiki/Nietzsche_contra_Wagner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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