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Flucht und Heimat

Wir leben im Zeitalter des umsichgreifenden Populismus, in dem Begriffe wie Werte, Kultur, Freiheit und Vernunft zu leeren Worthülsen geworden sind, die nur noch verwendet werden, um Emotionen zu schüren und der eigenen Seite den Anschein von Authentizität und moralischer Integrität zu verleihen. Wo eigentlich das Interesse des Politikers am Allgemeinwohl liegen sollte, herrschen Partikularinteressen und bitterer Wettstreit, ganz so als würde die Raubtiermentalität des kapitalistisch geprägten Ichs und dessen quasireligiöse Verherrlichung als Allheilmittel jeglicher systeminhärenter Marktprobleme auch das „Problem“ gesellschaftlichen Miteinanders in einer Demokratie lösen können, indem es Demokratie zum Recht des Stärkeren mutieren lässt.

Zwei Felder, in dem dieser Populismus sich zunehmend zu Hause fühlt und in dem Begriffe zu scharfen Waffen im Kampf der Populisten um politische Interessen und Machtblöcke werden, sind die Felder Heimat und Asyl, die vielleicht mehr miteinander gemein haben, als es auf den ersten Blick scheinen mag, selbst wenn sie derzeit gebraucht werden, um zu polarisieren: die „heimatverbundenen“ Patrioten auf der einen Seite, ihre „humanistischen“ Gegner auf der anderen Seite. Doch was steckt eigentlich hinter dem Begriff der Heimat, und wieso nennt man Menschen, die vor Krieg aus ihrer Heimat vertrieben wurde, nicht mehr „Heimatvertriebene“, wie nach dem 2. Weltkrieg, sondern „Flüchtlinge“ und „Asylanten“? Hierzu müssen wir uns genauer anschauen, was „Heimat“ eigentlich bedeutet.

Der Begriff „Heimat“ steht etymologisch gesehen für „der Ort, an dem man sich niederlässt“. In anderen Sprachen lautet die Übersetzung „Home“ (Englisch) oder „Patrie“ (Französisch), wodurch aber ein Teil der in Deutschland inhärenten Bedeutung verloren geht. Fragt man Menschen, was für sie „Heimat“ bedeutet,  erhält man zahlreiche Assoziationen, die meistens die Region in der man lebt, Traditionen und Gebräuche sowie soziale Geborgenheit beinhalten.

Nähert man sich dem Begriff biologisch und ethnologisch, dann ist „Heimat“ das Gebiet, in dem man sich sicher und geborgen fühlt, also das, was man bei höheren Säugetieren gemeinhin als „Territorium“, „Revier“, „Bau“, „Nest“ bezeichnen würde. Neurologisch gesehen arbeitet unser Gehirn in diesem Bereich mit verminderter Wachsamkeit, weil keine Gefahr droht und wir uns in diesem Bereich auskennen. Dieser private Rückzugsraum ist so wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft, dass er in Artikel 13 unseres Grundgesetzes erwähnt wird: „Die Wohnung ist unverletzlich.“ (Absatz 1). Umso schockierter sind wir, wenn in unsere eigenen „4 Wänden“ eingebrochen wird, oder wir in diesem privaten Bereich durch Fremde beobachtet und überwacht werden.

Die Taktik von Terroristen ist es, in ihren Opfern ein Gefühl von permanenter Unsicherheit zu erzeugen, indem sie an Orten zuschlagen, an denen sich Menschen eigentlich sicher fühlen, weil es für sie zur „Heimat“ und damit zur „sicheren Zone“ gehört: Weihnachtsmärkte, Kirchen, Fußgängerzonen, Krankenhäuser. Es soll ein Gefühl permanenter Bedrohung erzeugt werden, das zeigt, dass nichts und niemand vor dem Terror sicher ist. Der Terror entsteht durch die Rückkehr des Ungewissen, der allzeit antizipierten Gefahr für Leib und Leben, ohne die Möglichkeit von sicheren Rückzugsräumen zu haben.

Von unserem Heim aus können wir in relativer Sicherheit die Umgebung erkunden, in der Gewissheit, jederzeit „nach Hause“ zurückkehren zu können, falls wir einmal „Heimweh“ verspüren sollten. Mit dem Fortschreiten der technologischen Möglichkeiten zur Fortbewegung konnten wir immer weitere Strecken zurücklegen und persönlich fremde Länder und Kulturen kennenlernen, indem wir uns bewusst dem Fremden aussetzten, unser Gehirn mit dem Unbekannten stimulierten, unseren „Horizont erweiterten“, immer in der sicheren Gewissheit, jederzeit wieder nach Hause zu können.

Doch nicht alle Menschen können sich den Luxus eines sicheren Heims leisten: Wer arm ist, kann sich und seine Heim nicht so schützen, wie jemand, der das Geld für Sicherheitsanlagen und Wachpersonal hat. Das grundgesetzlich Recht auf Sicherheit und Geborgenheit endet auch in unserer wohlhabenden Gesellschaft da, wo das Prekariat beginnt: Das Streben nach der Sicherheit eines eigenen Heims wird als Antriebsmotor verwendet, um Menschen zur Annahme schlecht bezahlter Jobs zu drängen. Eine Gesetzgebung, an deren Ende Hartz IV steht mit der Möglichkeit der Sanktionierung sogar des Mindestbedarfs und gerade der Zuschüsse zu den Wohnkosten, ist kein gesetzgeberischer Unfall, sondern planerisches Kalkül mit den Grundbedürfnissen von Menschen.

Menschen, die ihr Heim verlieren, sind besonderem Stress ausgesetzt, da sie aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden. Erfolgt dieser Verlust zudem noch gewalttätig, zum Beispiel durch Zwangsräumung, Naturkatastrophe oder gar Krieg, dann sind diese Menschen oft traumatisiert und auf Hilfe durch ihre soziale Gemeinschaft angewiesen. Wenn diese Hilfe nicht mehr vorhanden ist, sei es aufgrund politischer Sparmaßnahmen oder von Kriegen, und die Gefahr weiterhin besteht, dann hilft nur noch die Flucht, um das eigene Leben und das der Familienangehörigen zu retten. Die Flüchtenden verlieren ihre Heimat und begeben sich auf die Suche nach einer neuen, sicheren Bleibe.

Während in einigen Menschen, die sich sehr gut vorstellen können, was es bedeutet, sein Heim (und womöglich noch Familienangehörige) zu verlieren, mit Empathie sogar wildfremden Menschen helfen würden, gibt es auch immer Menschen, die nicht in der Lage sind, die Notlage der Flüchtenden emotional zu begreifen, sondern lediglich die abstrakte Gefahr des Fremden für ihr eigenes Heim sehen. Für sie ist das Fremde gleichbedeutend mit der Bedrohung, die sie für sich in dem sehen, was sie als „Heimat“ verstehen. Sind sie in dieser „Heimat“ dann auch noch selbst sozialem Stress ausgesetzt, sei es durch soziale Geringschätzung, Arbeitslosigkeit mit verbundener Ausgrenzung, Angehörigkeit einer sozialen Gruppe, die sich nicht wertgeschätzt fühlt, dann werden die „ungewollten Neuankömmlinge“ abgewertet, als „kulturfremd“ abgelehnt und, im Extremfall, als Feinde verfolgt. Anstatt also zu verinnerlichen, dass die Geflüchteten schutzbedürftig sind, stellt man die eigene Schutzbedürftigkeit in den Vordergrund und postuliert eine bewusste Abgrenzung zum Fremden, quasi als Blitzableiter für die eigenen, selbst empfundenen Verlustängsten.

Dies ist die Stunde der Populisten, denen in ihrer saturierten Umgebung solche Ängste selbst fremd sind, die aber diese Ängste der Anderen sehr wohl instrumentalisieren, um selbst gesellschaftlich in bessere – sprich machtvollere – Positionen zu kommen. Sie greifen die Angst vor den/m Fremden auf und sorgen durch Wiederholung und Verstärkung in Konnotation mit negativen Emotionen dafür, dass sich das Bild des Fremden als feindlich in den Köpfen derjenigen festsetzt, denen eigentlich gesellschaftlich genauso geholfen werden müsste, wie den Geflüchteten. Nach dem Prinzip Teile und Herrsche spielen sie die Gruppierungen, die beide die gleichen Ängste teilen, gegeneinander aus, während sie sich zugleich die gesellschaftlichen Ressourcen aneignen, die eigentlich zur Verbesserung der Situation aller Menschen in diesem Land gedacht waren: politische Ämter, Steuernachlässe für ihre Klientel, zunehmende Überwachung derjenigen, die sich Privatsphäre nicht mehr leisten können, und rechtliche Entmachtung von Minderheiten, die als abseits der „Leitkultur“ stigmatisiert werden.

Es ist die gleiche destruktive Politik, wie sie nicht nur zur NS-Zeit in Deutschland aufblühte, sondern in vielen nationalistisch geprägten Ländern der Erde seit es Nationen gibt. Der Begriff der „Heimat“ wird ausgedehnt, bis er ganze Länder, „Heimatländer“ umfasst, die es zu verteidigen gilt, immer gegen einen „unmenschlichen“ Feind, der uns unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unsere Geborgenheit nehmen will. Dabei sind es gerade diese Rückzugsräume, die im Zuge einer totalitären, schwarz-weissen „Freund-Feind“-Politik zunehmend eingeschränkt werden, also Freiheit, die für die Sicherheit geopfert wird. Die Pluralität, die es einer Gesellschaft erlaubt, durch Rekombination verschiedener Ideen und Kulturen in einer sich schnell wandelnden Umwelt Lösungen zu entwickeln, wird zugunsten einer hierarchischen, streng durchorganisierten Gesellschaft geopfert, in der Freiheit als Gefahr für die Gemeinschaft begriffen wird. Die Notwendigkeit einer aufoktroierten Leitkultur, eines Zusammenhalts, der durch ständigen Druck erzeugt wird, weist den Weg in eine totalitäre Diktatur.

Systemtheoretisch gesehen profitieren also Populisten dadurch, dass sie zwei Gruppierungen definieren, die sich um angeblich knappe Ressourcen streiten müssen, und bei beiden Gruppierungen Angst und Unsicherheit erzeugt wird. Einerseits werden Flüchtlinge in Heimen und Lagern untergebracht, um durch soziales Engegefühl und sozialer Unsicherheit nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, dass man nun so etwas wie eine sichere Heimstätte gefunden hat. Zur Verstärkung dieses Effekts sind die Türen in solchen Heimen oft nicht abschließbar, Einzelzimmer und Rückzugsräume gibt es nicht und die Ausgabe von Ressourcen ist streng reglementiert und stets an die Rollenverteilung Gebender zu Bittsteller angelehnt. Zudem werden Asylbewerber oft monatelang im Unklaren über ihren Status gehalten, immer davon bedroht, abgelehnt und abgeschoben zu werden. Vor diesem Hintergrund ist es kaum möglich, sich ein eigenes Heim einzurichten. Zusammen mit den oft erlittenen Traumata entwickelt sich eine sozial explosive Mischung, deren Manifestation in Gewaltausbrüchen scheinbar die Position der Populisten „belegen“. Populisten profitieren also nicht durch die Verbesserung der Situation für eine der Gruppierungen, sondern durch die Eskalation des Konflikts. Das macht sie so gefährlich.

Die Lösung des Problems kann nicht eine weitere Verhärtung der Fronten sein, aber auch nicht das Aufnehmen von xenophoben Ideen, um diejenigen, die „besorgt“ sind, zu beschwichtigen. Jede Lösung muss sich mit dem Grundproblem auseinandersetzen, dass wir einerseits Menschen haben, die geflüchtet sind und die – auch übergangsweise – eine neue Heimat suchen, während wir andererseits Menschen haben, die ihre bestehende Heimat in Gefahr sehen. Dabei muss „Heimat“ nicht etwas endgültiges bedeuten, denn Menschen ist es möglich, sich eine neue Heimat zu suchen oder zurückzukehren. Kurzfristig muss sowohl den Menschen, die bereits in Deutschland in prekären Verhältnissen leben, als auch denjenigen, die nach Deutschland geflüchtet sind, eine Perspektive geboten werden. Hierfür müssen aber die in Deutschland existenten sozialen Probleme angegangen werden, die von der Politik derzeit in einem „Uns geht es gut“-Kitsch überlagert wird und die bei den sich abgehängten und nicht verstandenen Menschen für ein Gefühl der Entfremdung sorgen. Politik muss sich in erster Linie darum kümmern, dass dieses Land für alle Menschen, die hier leben, als Heimat wahrgenommen werden kann, nicht nur für einzelne Interessengruppen, oder diejenigen, die aus Wahlen als Mehrheit hervorgehen. Das wäre die oberste Aufgabe eines Heimatministeriums, anstatt über eine Verkitschung des Heimatbegriffs Zusammenhalt zu predigen und tatsächlich gesellschaftliche Spaltung zu betreiben. Wenn wir die Grundbedürfnisse aller Menschen akzeptieren und in ihnen nicht nur die Kosten-Nutzen-Träger in einer marktkonformen Demokratie sehen, dann können wir eine Heimat schaffen, in der Sicherheit und Geborgenheit durch sozialen Zusammenhalt und Akzeptanz unserer individuellen Vorstellungen, Neigungen und Träume geschaffen wird, und nicht durch Neid und Missgunst, wie sie uns immer wieder als angebliche Triebfedern unserer Gesellschaft vorgesetzt werden. Es muss also nicht nur „Refugees welcome“ heissen, sondern „Refugees, welcome home“.

 

 

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Kunst, Mode, Kitsch und Kultur

Die Kunst, keine Kultur zu sein

Kunst wird gemeinhin als Teil der Kultur verstanden. Ich denke, dass diese Auffassung dem Begriff der Kunst nicht gerecht wird und zusammen mit einer Vermischung verschiedener Bedeutungen des Begriffs „Kultur“ zu keiner zufrieden stellenden Definition des Begriffs „Kunst“ führen kann. Denn „Kultur“ ist einerseits im Deutschen der Sammelbegriff für Musik, Kunst und Malerei, andererseits aber der Begriff für ein menschliche Gemeinschaften verbindendes Element gemeinsamer Normen und Werte.

"Kultur (von lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur." (Wikipedia)

Als schnöder Sammelbegriff ist der Begriff „Kultur“ daher viel zu Schade. Fasst man Kultur dagegen – wie in Wikipedia – als eine Ansammlung von Memen, die durch Sozialisierung, insbesondere dem Lernen von Normen, innerhalb einer Gemeinschaft festgelegt werden, kann man den Begriff „Kunst“ klar trennen: Kultur definiert das informelle Regelwerk in einem System, das zu dessen Erhalt dient; Kultur ist damit per se Konvention und Ordnung.

Kunst dagegen hinterfragt die bestehende Kultur, regt neue Denkanstöße ausserhalb dieser Kultur an und bricht kulturell vorgegebene Denkmuster auf. Eigenschaften, die man gemeinhin der Kreativität zuordnen würde. Wird Kunst gesellschaftlich assimiliert, also von der Kultur vereinnahmt, wird sie zu Kitsch. Kunst steht für mich für das Chaos, das kreative Schaffen ausserhalb von Systemzwängen und somit gerade als Kontrapunkt zur Kultur. Kunst, die als „Kultur“ vermarktet wird, hat schon längst aufgehört, Kunst zu sein; sie wurde zur Ware degradiert.

Ist das Kunst, oder kann das Kitsch?

Jedes Kunstwerk ist nach diesem Verständnis aus seiner Zeit heraus zu betrachten, also im Kontext der Normen und Werte der Gesellschaft seiner Zeit. Der Künstler stellt sich ausserhalb dieser Normen, er experimentiert mit neuen Techniken, er schafft andere Blickwinkel auf die Gesellschaft, indem er sich über bestehende Normen hinwegsetzt. Werden diese Normen allerdings von der Gesellschaft aufgegriffen, werden sie zur Mode. Es entstehen die ersten Kopien, die als Mem verbreitet werden, bis hin zum Aufgehen in den kulturellen Errungenschaften einer Gemeinschaft. Sie werden zu Kitsch, zur Mona Lisa, die von tausend T-Shirts prangt und an jedem Souvenir-Stand in Paris käuflich erworben werden kann. Das damals Revolutionäre, wie der leichte Silberblick der Dame im Porträt, wird tausendfach modifiziert und kopiert. Die Revolution selbst wird zum Kitsch, zum Che Guevara-Anstecker an der Ladenkasse.

Die Entstehung der Entarteten

Ich möchte diese Gedanken anhand der sogenannten „entarteten Kunst“ im Dritten Reich näher erläutern. Der Versuch der Nationalsozialisten, neben der „deutschen Wissenschaft“ eine „deutsche Kultur“ zu schaffen, führte dazu, dass Kunstwerke, die nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen, als „entartet“ bezeichnet und verboten wurden. Die Kunst wurde normiert und alles ausserhalb dieser Kunst als „entartet“ gesehen. Nach meiner Sichtweise wurde damit aber lediglich eine Trennung vollzogen, die eh bereits faktisch existierte: eine Kunst, die per Definition ja unabhängig von kulturellen Vorgaben sein muss, hört auf, Kunst zu sein, wenn sie sich der Kultur unterordnen muss. Aus den freischaffenden Künsten wurde Kitsch wie die verklärte Bauernromantik, oder die Herrenmenschen-Abbildungen eines Arno Breker, immer orientiert am „edlen griechischen“ Schönheitsideal einer rassistisch verklärten und staatlich geförderten Ideologie.

Die Frage stellt sich somit, ob eine Staat überhaupt Kunst fördern oder ob sein Wirken sich lediglich auf Kultur beziehen kann. Der Staat ist als Organisationsform in erster Linie an dem Erhalt der ihm innewohnenden kulturellen Errungenschaften interessiert. Das Fördern von Kunst, die mitunter gerade diese Kultur in Frage stellt, kann sich somit als kontraproduktiv erweisen. Auf der sicheren Seite befindet sich ein Staat, der kulturelle Einrichtungen wie Theater und Opern unterstützt, in denen die 100. Aufführung des Freischütz in nahezu unveränderter Form aufgeführt wird. Durchaus ein kulturelles Erlebnis, aber ist das noch Kunst? Würde der Regisseur den Freischütz in die Moderne verlegen, würde der Freischütz somit neue Blickwinkel auf aktuelle gesellschaftliche Probleme ermöglichen, er würde ein Stück künstlerische Freiheit zurückerlangen, die dem Stück durch das automatisierte Herunterspielen genommen wurde. Ob zum Beispiel Brechts Nachkommen und Rechteinhaber ihm und seinen Werken einen Gefallen getan haben, indem sie auf Ausführung dieser Werke möglichst nahe am Original bestanden? Das Urheberrecht erweist sich hier wieder einmal als größter Feind der Kunst, obwohl es eigentlich ihrer Förderung dienen sollte.

Kunst lebt von der Variation, von Vielfalt. Das bedeutet, dass auch Kitsch durch Entfremdung, durch Entfernung seiner kulturellen Identität, wieder zu Kunst werden kann. Ein Staat muss akzeptieren, dass Kunst niemals gesteuert, wohl aber gefördert werden kann, und selbst dann nur ausserhalb der Schablone wirtschaftlicher und ideologischer Anforderungen. Diese Freiheit der Kunst wird in Deutschland vom Grundgesetz (Art 5) garantiert, hindert die Politik und Medien aber nicht daran, immer wieder auf’s Neue „Leitkulturen“ definieren zu wollen, nach denen „Kunst“ als identitätsstiftend gefördert wird. Doch wo um Kultur gekämpft wird, ist die Kunst stets das erste Opfer.

Willkürenritt

Nietzsche, der sich von einem glühenden Bewunderer Richard Wagners zeit seines Lebens zu einem entschiedenen Gegner seiner Werke wandelte, schrieb in seinem Zarathustra das oft zitierte „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Der junge Nietzsche bewunderte den angehenden Künstler Wagner, der sich gegen die Normen seiner Zeit wandte, mit den Regeln und Konventionen brach, klassisch versinnbildlicht in der Figur des Wotans in Der Ring der Nibelungen, der die von ihm selbst gegebenen Regeln bricht. Ein leuchtender Stern in der bräsigen Ordnung des nachrevolutionären Deutschlands. Später wandelten sich die Motive Wagners hin zur christlichen Weltanschauung und Ästhetik, der Leitkultur seiner Zeit. Diesen Schritt vom Künstler hin zum Kulturschaffenden, vom kritischen Revolutionär (der Wagner vielleicht selbst nie gewesen ist) zum Vorzeigeobjekt einer neu erwachsenen deutschen Identität, hat Nietzsche ihm nie verziehen. Schuf Wagner am Ende seiner Karriere dennoch Kunstwerke, oder war dies bereits die handwerklich hochwertige Verkitschung der Erwartungshaltung seiner Bewunderer und Förderer?

In der schleichenden Vereinnahmung ruht vielleicht die größte Gefahr für Künstler. Wenn die eigene Kunst zur Kultur wird, wenn damit gesellschaftliche Erwartungshaltungen einhergehen, die immer und immer wieder erfüllt werden müssen, wenn das kreative Chaos der Routine weichen muss, wenn man sich von seinen eigenen Werken entfremdet, weil sie nicht mehr aus einem inneren Antrieb, sondern aus äusserem Zwang zur Konformität heraus entstehen, dann stirbt das Selbstbild des Künstlers als selbstbestimmtes Subjekt, gebunden durch Verträge als Opfer seines eigenen Erfolgs. Und am Schluss finden sich im Souvenirladen nicht nur T-Shirts mit Aufdrucken der Mona Lisa und Nietzsche-Sprüchen wieder, sondern auch von Kurt Cobain, der mal sagte: „Ich hoffe, dass ich sterbe, bevor ich Pete Townsend werde.“ War Nietzsche eigentlich Künstler?

Entarte Kunst
http://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Kunst

Mona Lisa
http://de.wikipedia.org/wiki/Mona_Lisa

Nietzsche Contra Wagner
http://de.wikipedia.org/wiki/Nietzsche_contra_Wagner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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