Kunst, Mode, Kitsch und Kultur

Die Kunst, keine Kultur zu sein

Kunst wird gemeinhin als Teil der Kultur verstanden. Ich denke, dass diese Auffassung dem Begriff der Kunst nicht gerecht wird und zusammen mit einer Vermischung verschiedener Bedeutungen des Begriffs „Kultur“ zu keiner zufrieden stellenden Definition des Begriffs „Kunst“ führen kann. Denn „Kultur“ ist einerseits im Deutschen der Sammelbegriff für Musik, Kunst und Malerei, andererseits aber der Begriff für ein menschliche Gemeinschaften verbindendes Element gemeinsamer Normen und Werte.

"Kultur (von lateinisch cultura „Bearbeitung, Pflege, Ackerbau“) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur." (Wikipedia)

Als schnöder Sammelbegriff ist der Begriff „Kultur“ daher viel zu Schade. Fasst man Kultur dagegen – wie in Wikipedia – als eine Ansammlung von Memen, die durch Sozialisierung, insbesondere dem Lernen von Normen, innerhalb einer Gemeinschaft festgelegt werden, kann man den Begriff „Kunst“ klar trennen: Kultur definiert das informelle Regelwerk in einem System, das zu dessen Erhalt dient; Kultur ist damit per se Konvention und Ordnung.

Kunst dagegen hinterfragt die bestehende Kultur, regt neue Denkanstöße ausserhalb dieser Kultur an und bricht kulturell vorgegebene Denkmuster auf. Eigenschaften, die man gemeinhin der Kreativität zuordnen würde. Wird Kunst gesellschaftlich assimiliert, also von der Kultur vereinnahmt, wird sie zu Kitsch. Kunst steht für mich für das Chaos, das kreative Schaffen ausserhalb von Systemzwängen und somit gerade als Kontrapunkt zur Kultur. Kunst, die als „Kultur“ vermarktet wird, hat schon längst aufgehört, Kunst zu sein; sie wurde zur Ware degradiert.

Ist das Kunst, oder kann das Kitsch?

Jedes Kunstwerk ist nach diesem Verständnis aus seiner Zeit heraus zu betrachten, also im Kontext der Normen und Werte der Gesellschaft seiner Zeit. Der Künstler stellt sich ausserhalb dieser Normen, er experimentiert mit neuen Techniken, er schafft andere Blickwinkel auf die Gesellschaft, indem er sich über bestehende Normen hinwegsetzt. Werden diese Normen allerdings von der Gesellschaft aufgegriffen, werden sie zur Mode. Es entstehen die ersten Kopien, die als Mem verbreitet werden, bis hin zum Aufgehen in den kulturellen Errungenschaften einer Gemeinschaft. Sie werden zu Kitsch, zur Mona Lisa, die von tausend T-Shirts prangt und an jedem Souvenir-Stand in Paris käuflich erworben werden kann. Das damals Revolutionäre, wie der leichte Silberblick der Dame im Porträt, wird tausendfach modifiziert und kopiert. Die Revolution selbst wird zum Kitsch, zum Che Guevara-Anstecker an der Ladenkasse.

Die Entstehung der Entarteten

Ich möchte diese Gedanken anhand der sogenannten „entarteten Kunst“ im Dritten Reich näher erläutern. Der Versuch der Nationalsozialisten, neben der „deutschen Wissenschaft“ eine „deutsche Kultur“ zu schaffen, führte dazu, dass Kunstwerke, die nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen, als „entartet“ bezeichnet und verboten wurden. Die Kunst wurde normiert und alles ausserhalb dieser Kunst als „entartet“ gesehen. Nach meiner Sichtweise wurde damit aber lediglich eine Trennung vollzogen, die eh bereits faktisch existierte: eine Kunst, die per Definition ja unabhängig von kulturellen Vorgaben sein muss, hört auf, Kunst zu sein, wenn sie sich der Kultur unterordnen muss. Aus den freischaffenden Künsten wurde Kitsch wie die verklärte Bauernromantik, oder die Herrenmenschen-Abbildungen eines Arno Breker, immer orientiert am „edlen griechischen“ Schönheitsideal einer rassistisch verklärten und staatlich geförderten Ideologie.

Die Frage stellt sich somit, ob eine Staat überhaupt Kunst fördern oder ob sein Wirken sich lediglich auf Kultur beziehen kann. Der Staat ist als Organisationsform in erster Linie an dem Erhalt der ihm innewohnenden kulturellen Errungenschaften interessiert. Das Fördern von Kunst, die mitunter gerade diese Kultur in Frage stellt, kann sich somit als kontraproduktiv erweisen. Auf der sicheren Seite befindet sich ein Staat, der kulturelle Einrichtungen wie Theater und Opern unterstützt, in denen die 100. Aufführung des Freischütz in nahezu unveränderter Form aufgeführt wird. Durchaus ein kulturelles Erlebnis, aber ist das noch Kunst? Würde der Regisseur den Freischütz in die Moderne verlegen, würde der Freischütz somit neue Blickwinkel auf aktuelle gesellschaftliche Probleme ermöglichen, er würde ein Stück künstlerische Freiheit zurückerlangen, die dem Stück durch das automatisierte Herunterspielen genommen wurde. Ob zum Beispiel Brechts Nachkommen und Rechteinhaber ihm und seinen Werken einen Gefallen getan haben, indem sie auf Ausführung dieser Werke möglichst nahe am Original bestanden? Das Urheberrecht erweist sich hier wieder einmal als größter Feind der Kunst, obwohl es eigentlich ihrer Förderung dienen sollte.

Kunst lebt von der Variation, von Vielfalt. Das bedeutet, dass auch Kitsch durch Entfremdung, durch Entfernung seiner kulturellen Identität, wieder zu Kunst werden kann. Ein Staat muss akzeptieren, dass Kunst niemals gesteuert, wohl aber gefördert werden kann, und selbst dann nur ausserhalb der Schablone wirtschaftlicher und ideologischer Anforderungen. Diese Freiheit der Kunst wird in Deutschland vom Grundgesetz (Art 5) garantiert, hindert die Politik und Medien aber nicht daran, immer wieder auf’s Neue „Leitkulturen“ definieren zu wollen, nach denen „Kunst“ als identitätsstiftend gefördert wird. Doch wo um Kultur gekämpft wird, ist die Kunst stets das erste Opfer.

Willkürenritt

Nietzsche, der sich von einem glühenden Bewunderer Richard Wagners zeit seines Lebens zu einem entschiedenen Gegner seiner Werke wandelte, schrieb in seinem Zarathustra das oft zitierte „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Der junge Nietzsche bewunderte den angehenden Künstler Wagner, der sich gegen die Normen seiner Zeit wandte, mit den Regeln und Konventionen brach, klassisch versinnbildlicht in der Figur des Wotans in Der Ring der Nibelungen, der die von ihm selbst gegebenen Regeln bricht. Ein leuchtender Stern in der bräsigen Ordnung des nachrevolutionären Deutschlands. Später wandelten sich die Motive Wagners hin zur christlichen Weltanschauung und Ästhetik, der Leitkultur seiner Zeit. Diesen Schritt vom Künstler hin zum Kulturschaffenden, vom kritischen Revolutionär (der Wagner vielleicht selbst nie gewesen ist) zum Vorzeigeobjekt einer neu erwachsenen deutschen Identität, hat Nietzsche ihm nie verziehen. Schuf Wagner am Ende seiner Karriere dennoch Kunstwerke, oder war dies bereits die handwerklich hochwertige Verkitschung der Erwartungshaltung seiner Bewunderer und Förderer?

In der schleichenden Vereinnahmung ruht vielleicht die größte Gefahr für Künstler. Wenn die eigene Kunst zur Kultur wird, wenn damit gesellschaftliche Erwartungshaltungen einhergehen, die immer und immer wieder erfüllt werden müssen, wenn das kreative Chaos der Routine weichen muss, wenn man sich von seinen eigenen Werken entfremdet, weil sie nicht mehr aus einem inneren Antrieb, sondern aus äusserem Zwang zur Konformität heraus entstehen, dann stirbt das Selbstbild des Künstlers als selbstbestimmtes Subjekt, gebunden durch Verträge als Opfer seines eigenen Erfolgs. Und am Schluss finden sich im Souvenirladen nicht nur T-Shirts mit Aufdrucken der Mona Lisa und Nietzsche-Sprüchen wieder, sondern auch von Kurt Cobain, der mal sagte: „Ich hoffe, dass ich sterbe, bevor ich Pete Townsend werde.“ War Nietzsche eigentlich Künstler?

Entarte Kunst
http://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Kunst

Mona Lisa
http://de.wikipedia.org/wiki/Mona_Lisa

Nietzsche Contra Wagner
http://de.wikipedia.org/wiki/Nietzsche_contra_Wagner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Big Data – Was du letzten Sommer nicht getan hast

Der Fluch des Savants

„Behörden und Unternehmen können ruhig alles über mich wissen. Ich habe ja nichts zu verbergen“. Wie oft habe ich diesen Satz schon in meinem Leben gehört, während ich versuchte, an Infoständen und bei Diskussionen das abstrakte Thema der Überwachung und Datensammelwut von Behörden und Unternehmen zu vermitteln. Wie viele Mühen wurde bereits unternommen, um dem Thema die Abstraktion zu nehmen, den Betroffenen emotional vor Augen zu führen, wie sich Überwachung auf ihre Privatleben auswirken würde? Ein Drahtseilakt zwischen dem Vorwurf gesetzlicher Unredlichkeit („wer ist schon immer gesetzestreu?“), der oft zu ablehnenden Reaktionen führt, und dem Überschreiten der Schamgrenze mit dem Bildnis der Überwachungskamera in Schlaf- und Badezimmer. Alles nur, um dem Totschlagargument „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ zu begegnen. Doch ist das wirklich so? Haben denn nicht gerade diejenigen, die alles offen legen, Nachteile zu befürchten, und sei es nur durch Informationsasymmetrie?

Nehmen wir einmal den – psychologisch bestimmt ungesunden und unglaubwürdigen – Zustand an, dass alle Menschen nichts zu verbergen hätten und vom Zeitpunkt des Aufstehens bis zum Schlafengehen ein gesetzestreues Leben führen würden. Vermutlich wäre dies das Paradies auf Erden, oder die Hölle, je nach Blickwinkel. Eine Art gesellschaftlicher Wärmetod, ohne jegliche Reibung, ohne jegliche Spannung. Jedenfalls würde diese Utopie vollkommen überwacht werden, um den Status Quo aufrecht zu erhalten. Es würden gigantische Datenmengen anfallen, die gefiltert und analysiert werden müssten. Und damit würde sich die Frage stellen: was soll überhaupt gesammelt und analysiert werden? Welche Daten sind überhaupt relevant?

Unser Gehirn hat auf diese Frage eine einfache Antwort: es werden zwar pro Sekunde etwa 100 MB an Daten gesammelt, aber nur ein Bruchteil davon wird überhaupt verwertet und ein noch geringerer Teil davon behalten. Was wir letztendlich im Gedächtnis behalten hängt von sehr vielen Faktoren ab, wie zum Beispiel dem Fokus unserer Aufmerksamkeit, unserer Aufnahmefähigkeit, der Bekanntheit des Vorgangs, der emotionalen Bindung, der Zahl der Wiederholungen und vielem mehr. Die Unmengen an Daten, die aus unserer komplexen Umwelt an uns dringen sorgen somit nicht für eine Überlastung unserer mentalen Kapazitäten, sondern die Komplexität wird herunter gebrochen und mit uns bereits bekannten Daten verknüpft. Das, was wir wahrnehmen, hängt also in großem Maß von dem ab, was wir bereits kennen. Wir können allerdings durchaus auch „wahrnehmen“, was nicht existiert und was uns lediglich unser Gehirn vorgibt.

But what if we add… MORE DATA!

Ein Mehr an Daten bedeutet nicht automatisch eine Verbesserung der Erkenntnis von Situationen, sondern mehr Daten können zu einer Art Informationsrauschen führen, in der jegliche Struktur verloren geht. Die Art und Weise, wie man „Sinn“ in diese Datensammlung bringt, ist daher von höchster Wichtigkeit. „Sinn“ ist hier als eine Art Metaebene zu sehen, auf der die gesammelten Daten nach bestimmten Merkmalen durchsucht werden, um eine gegebene Komplexität zu „verstehen“. Der Analyst/Betrachter hat stets eine gewisse Intention, mit der diese Daten betrachtet werden. Bei den RAF-Rasterfahndungen in den 70er-Jahren zum Beispiel ging es darum, Anhaltspunkte für den Aufenthaltsort von Terroristen zu finden. Bei Marktforschung von Unternehmen geht es darum, den Markt und seine Teilnehmer in Bezug auf die Absatzmöglichkeiten zu analysieren. Die Intention, mit der diese Datensammlungen betrachtet werden, sind entscheidend im Hinblick auf die zu erwartenden Resultate. What you see is all there is.

Es mag zwar nicht wissenschaftlich achtbar sein, nur Daten zu sichten, die für die eigenen Theorien sprechen, statt durch Falsifizierung nach ihrer Ungültigkeit zu suchen, aber es ist nun mal zutiefst menschlich im Streben nach Anerkennung und Bestätigung. Das eigene Weltbild muss doch, einer sich ständig wechselnden Umgebung zum Trotz, fest verankert sein und darf nicht bei jeder neuen Information gleich ins Schwanken geraten! Aber wie ist diese ständige mentale Adaption der „objektiven Realität“ an „unsere Realität“ im Hinblick auf gesammelte Daten zu bewerten? Menschen sind großartig darin, Muster zu erkennen, die sie einmal erlernt haben. Wenn wir Datenansammlungen sehen, versuchen wir, darin Muster zu erkennen, sprich: diesen Daten „Sinn“ zugeben. Sinn steht hierbei für mich gleich der Verankerung des Beobachteten im bereits Bekannten. Im neuronalen Netzwerk unseres Gehirns werden bekannte Verbindungen verstärkt oder mit bereits bekannten Verknüpfungen verbunden.

Unendlich viele Affen, die in Bibeln blicken

Die Gefahr, die nun besteht, ist, dass in den Datensammlungen nach Merkmalen gesucht wird, die in bestimmte „Bilder“ passen. Ein Herr S. sucht Daten, die schlüssig beweisen können, dass Ausländer gewalttätig und arbeitsscheu sind. Also sucht er Daten, die zu diesem Bild passen und ignoriert Daten, die nicht seine Theorie widerlegen würden. Statistische Fehler, die dabei gemacht werden, gehen im emotionalen Rauschen der Empörungswellen unter. Das wird man doch noch sagen dürfen! Ja, aber bitte nicht nachrechnen.

Nehmen wir Wachtmeister K. als Beispiel. Er kennt seine Papenheimer sehr genau und weiss, nach welchen Merkmalen er Ausschau halten muss, um Drogendealer und Kleinkriminelle zu erwischen. Dass auf 100 festgehaltene „Verdächtige“ dunklerer Hautfarbe gerade 1-2 „Erfolge“ vorzuweisen kommen, ist dabei unerheblich: Jeder noch so kleine Erfolg bestätigt seine Theorie, da es keine Vergleichszahlen gibt und aufgrund des Erfolgs nicht der Versuch unternommen wird, herauszufinden, ob die örtlichen Kriminellen vielleicht dazu übergegangen sein könnten, hellhäutige Kuriere zu engagieren, weil diese seltener untersucht werden. In komplexen Systemen bleiben „Erfolgsgaranten“ aufgrund von Rückkopplungen nicht fortdauernd erfolgreich, sondern tragen zunehmend zu einer Destabilisierung bei, weil „unerwünschtes“ Verhalten nicht mehr erkannt wird, so lange einmal festgelegte Regeln/Theorien nicht revidiert werden.

Ein sehr schönes Beispiel für Theoriebildung bei umfangreichen Ausgangsdaten, die mit genügend Phantasie bei der Mustererkennung zu spektakulären Resultaten führte, liefert der sogenannte „Bibelcode“. Anhand der Bücher Mose fand der Journalist Drosnin in der Bibel „codierte“ Hinweise auf zukünftige Ereignisse, wie zum Beispiel der Ermordung des Kennedy-Attentäters Oswald durch Ruby, oder dem Fall der „Zwillingstürme“ an 9/11. Anhand der Datenmenge und durch Anpassung der Such-Schmeta war es nun relativ einfach, derartige Textstellen zu identifizieren und der Bibel und ihren Autoren somit prophetische Eigenschaften zuzuschreiben. Später wiesen einige Mathematiker nach, dass man mit ähnlicher Methode auch prophetische Nachrichten im Buch „Moby Dick“ nachweisen konnte. Korrelation hatte über Kausalität und der Glaube an das Phantastische über die Vernunft gesiegt. Was bei Religionen übrigens nicht unbedingt selten vorkommt.

Teekannen im Orbit

Die Gefahr, die nun von großen Datensammlungen ausgeht, ist also nicht nur, dass man ein Verhalten nachweisen kann, das nachweislich strafbar ist, sondern dass ein Verhalten aus den Daten heraus konstruiert werden kann, das zudem rational belegbar ist. Wenn ich mich per Zufall in einer Funkzelle befinde, in der ein Verbrechen verübt wird, gerate ich durch meine pure Anwesenheit bereits in den Fokus der Ermittlungen. War ich in der Vergangenheit schon mal auffällig? Wurde ein ähnliches Verbrechen vielleicht bereits vor einer Woche verübt und war ich vielleicht ebenfalls in der Umgebung? Muss ich vielleicht durch Abgabe einer DNS-Probe „beweisen“, dass ich nicht an einer Tat beteiligt war? Werden die Proben nach der Untersuchung tatsächlich vernichtet?

Durch die Menge an Daten ist es möglich, derart viele Verdachtsmomente zusammenzufügen, um einer Person ernsthaft zu schaden. Man konstruiert spielend weitere Anhaltspunkte für das tiefere Eindringen in das – eigentlich besonders streng geschützte – private Umfeld. Solche Eingriffe müssen nicht einmal von staatlicher Seite unternommen werden, sondern können zum Beispiel durch Medien erfolgen. RTL 2 und Bunte ermitteln. Misshandelt diese Prominente ihr Kind? Ist der brave Bankangestellte nur die Fassade für sexuelle Ausschweifungen? Je mehr Daten vorhanden sind, desto leichter lassen sich Zusammenhänge konstruieren und das Vermarkten und die Analyse von Zusammenhängen ist ein lukratives Geschäftsfeld. Wo auch nur ein Kontext vermutet wird, ist für Menschen auch schnell ein tatsächlicher Kontext vorhanden, weil oftmals das Bewusstsein für statistische Zusammenhänge fehlt. Und warum nach komplizierten Lösungen suchen, wenn die einfache Lösung doch bereits „rational“ ermittelt auf der Hand liegt? Zahlen lügen nicht! Und Skandale bringen Quote und Einnahmen.

Wo nun einmal der Anfangsverdacht besteht, wird es für den Betroffenen schwer sein, das Gegenteil nachzuweisen, denn aufgrund der Informationsasymmetrie stehen die erhobenen Daten nur dem Ankläger zur Verfügung. Ein Beispiel hierfür sind die Ermittlungen gegen die bundesdeutschen Nachrichtendienste und Verfassungsdienste: Auf der Seite der Geheimdienste gibt es riesige Datensammlungen, deren Zustandekommen und Umfang oft nicht einmal den für die Überwachung dieser Behörden zuständigen Regierungsstellen bekannt sind, auf der anderen Seite gibt es den Besitzer eines kleinen Gehirns, das oftmals schon vergessen hat, was es vorgestern zum Frühstück gab. Wie soll nun ein Beschuldigter glaubhaft darlegen können, dass er etwas nicht begangen hat, wenn die „Beweise“ dafür sprechen? Zur falschen Zeit am falschen Ort.

Es ist also möglich, trotz bestehender „Unschuldsvermutung“ mit vorhandenen Daten nicht nur einen Anfangsverdacht,  sondern hinreichend Indizien zu produzieren, die vielleicht sogar für eine Verurteilung reichen würden. Damit sind nicht nur diejenigen gefährdet, die sich ungesetzlich verhalten, sondern gerade diejenigen, die durch Korrelation unverschuldet in das Umfeld ungesetzlicher Handlungen geraten. Dem Nachweis der Schuld durch gesammelte Daten ist oft nichts entgegenzusetzen, da der Betroffene selbst eben nicht Einblick in die Daten erhält, sondern lediglich in das erkannte Muster, unabhängig davon, ob durch eine alternative Interpretation sich dieses Muster als reine Spekulation entpuppen würde. Letztendlich hat also jeder etwas zu befürchten, jeder etwas zu verlieren, wenn unkontrolliert Daten gesammelt werden, deren Analyse so gut wie keiner Kontrolle durch demokratische Instanzen unterworfen ist, wie es de facto derzeit der Stand in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern ist. Es kann jeden treffen, nicht nur „Straftäter“.

Null Collect

Die beste Verteidigung gegen derartige Datenmonster ist die komplette Vermeiden der Erhebung der Daten, sei es durch Mautbrücken, elektronische Gesundheitskarten, Sammeln von elektronischen Kommunikationsdaten und den zahlreichen privatwirtschaftlichen Methoden und Gängelungen am Verbraucherschutz vorbei. Die inhärente Gefahr des Erhebens und Auswertens von Daten ist dabei nicht der Missbrauch von „Vertrauen“ oder die Überprüfung des persönlichen Wohlverhaltens, sondern vielmehr die einer totalitären Unterdrückung persönlicher Freiheit ohne jegliche Rechtssicherheit entgegen der Intention der Menschenrechte. Das Bewusstsein der Möglichkeit einer Überwachung unterscheidet sich nur noch unmerklich vom Bewusstsein, dass man tatsächlich überwacht wird. Eine pluralistische Gesellschaft braucht jedoch die Vielfalt der Möglichkeiten, die aus den individuellen Freiheitsrechten erwachsen. In dieser Vielfalt liegt die Stärke, um in komplexen Gesellschaftssystemen Lösungen für Probleme erarbeiten zu können. Der Schutz dieser Lebensräume sollte oberstes Prinzip jeder verantwortungsbewussten Regierung sein, nicht das Zerstören der Grundlagen dieser Ordnung für einen imaginären Sicherheitsgewinn, der durch Repression erzielt wird. Gesellschaften können auf Dauer nicht durch Repression überleben, sondern sie zerstören sich früher oder später von Innen heraus.

Weiterführende Links:

Russells Teekanne
http://de.wikipedia.org/wiki/Russells_Teekanne

Der Bibelcode/Tora-Code
http://de.wikipedia.org/wiki/Bibelcode

Falsifikation
http://de.wikipedia.org/wiki/Falsifikation

Das Gehirn und seine Informationsverarbeitung:
http://www.projectory.de/koreanisch/sprachenlernen/gehirn.html

Thomas Metzinger – Der Ego-Tunnel:
http://www.perlentaucher.de/buch/thomas-metzinger/der-ego-tunnel.html

Beispiel für eine optische Täuschung
http://www.sehtestbilder.de/optische-taeuschungen-illusionen/images/elefant-fuenf-beine.jpg

Rasterfahndung
http://de.wikipedia.org/wiki/Rasterfahndung

What you see is all there is – Thinking Fast And Slow
http://en.wikipedia.org/wiki/Thinking,_Fast_and_Slow

Freakonomics
http://freakonomics.com

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Wichtig! Nur heute! Psikolohgie und so!

Hallo liebe Interessierte an der Welt des Wahnsinns und der Bekloppten,

heute wollen wir gemeinsam ein wichtiges Thema angehen, das in den letzten Jahren immer wieder für viel Verwirrung in und ausserhalb der Partei gesorgt hat: die Reaktanz. Klingt wie ein lustiger Modetanz, ist es aber nicht.

Der Onkel Wicklung hat in den 70er-Jahren so eine Theorie aufgestellt, nach der Menschen ablehnend reagieren, wenn sie der Auffassung sind, dass man sie zu einer bestimmten Überzeugung zwingen möchte. Na, das ist doch selbstverständlich, wird jetzt jeder sagen. Will doch keiner von uns! Zwang ist voll böse und so, würden wir NIE machen.

Allerdings wenn wir dann uns mal wieder über Nacht ein Thema intensiv ergoogelt und zahlreiche Links auf Youtube-Videos rausgekramt haben, also uns ein FUNDIERTES Wissen angeeignet haben, um dann zu einfachen Sachverhalten wie der Europakrise, dem Afghanistankonflikt oder der psychosozialen Komponente im Spätwerk Franz Kafkas diskutieren zu können, ist es eigentlich nur selbstverständlich, wenn wir versuchen, andere zu überzeugen, oder? Wissensgesellschaft und so. Und man soll und will ja mitmachen.

Am besten überzeugt man andere über das Internet, weil das voll bequem ist. Einfach Dutzende Leute in den Verteiler, Absenden klicken und fertig ist das Aufklärungswerk. Oder gleich tweeten. Mehr Follower als Kant, Baby! Ist zwar total unpersönlich und so, aber den Fakten (!!!!111elf) kann sich keiner entziehen. Und falls mal einer meckert schickt man ihm direkt die Links zu Professor Diskutierhart und dem Forum, in dem sich Leute tummeln, die auch alle so denken.

Natürlich gibt’s in solchen Foren ein paar Trolle, Querulanten, U-Boote und von Konzernen und/oder Regierung bezahlte Kritiker, die immer quer schießen. Davon sollte man sich nicht abhalten lassen, wenn man eine MISSION hat. Die Kreuzzügler haben sich auch nicht an Privatsphäre gehalten und erstmal an die Tore von Jerusalem geklopft. Wenn man nur so lasch daher argumentiert, nehmen einen die Leute nicht ernst.

Überzeugungskraft + Wiederholung + Lautstärke. So kommuniziert man heute. Und Kommunikation ist One-Way, weil wir wichtig sind und uns die Zeit fehlt, blöd herumzuquatschen. Wir haben die Lösung für die Weltprobleme bei uns auf dem Tisch und wer das nicht einsehen will, ist eh unter unserem Niveau.

Klingt doch bis hierhin alles okay, gelle? Gute demokratische Diskussionskultur, alles schnieke über’s Web, damit es Zweinull ist, Wettbewerb der Ideen! Und wo die Ideen nicht fruchten hilft ein bisserl Ellbogeneinsatz. So kriegt man auch im ICE vor dem Wochenende noch einen guten Sitzplatz und im Kino einen Sitz, auf dem nicht Kaugummi klebt. Leben heisst Lernen.

Jetzt hatte ich aber eingangs diese doofe Reaktanz erwähnt. Hm, mal die allwissende Müllhalde (von den Eingeborenen auch als „Wikipedia“ verehrt) befragen:
Reaktanz entsteht, wenn
• äußere Einflussversuche zur Änderung oder Kontrolle von Einstellungen erfolgen [aktiver sozialer Einfluss von außen] oder
• Barrieren errichtet werden [passiver sozialer Einfluss von außen] oder
• ein Zwang zur Auswahl zwischen verschiedenen Alternativen besteht [aktive/passive Behinderung von innen].

Na toll! Das ist ja gerade mal voll Moppelkotze, diese doofe Reaktanz. Da muss ich doch einfach nur noch nerviger und lauter werden, damit ich die Barriere in den Köpfen durchbreche, oder? Dabei will ich den Menschen doch nur helfen und sie interlektuel weiterbringen! Gibt’s da nicht was Einfachereres, Herr Doktor?

Befragen wir doch wieder die allwissende Müllhalde:
„Um derartige Effekte zu vermeiden, ist eine geeignete Informationspolitik, eine Partizipation der betroffenen Abteilungen und ggf. eine Schulung der Mitarbeiter notwendig. Durch diese Maßnahmen – eine gute Durchführung vorausgesetzt – lässt sich Reaktanz ebenso wie erlernte Hilflosigkeit oder Überkonformität nachweislich vermindern. Als besonders wichtig hat sich dabei die Möglichkeit zur Partizipation erwiesen.“

Partizipidingsda? Geh fott! Ich soll andere teilnehmen lassen? Es hackt wohl?! Meine Erkenntnisse habe ich selbst erworben, da stehen Experten dahinter, da kann nicht mal eben jeder Wald- und Wiesenheini mitmachen, der sich sein Laienwissen mal eben auf Google zusammengeklaubt hat! Weiss doch jeder, dass Konsenssoße dabei herauskommt, dafür ist mir mein Thema zu schade. Womöglich soll ich sogar noch zuhören und Interesse heucheln?! Gibt’s nicht was anderes???

„Empfindet ein Kunde seine Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Artikeln bedroht („Solange der Vorrat reicht“, „Verkauft“-Hinweis an einer Schaufensterauslage usw.), wird er versuchen, den Spannungszustand, in den er dadurch geraten ist, abzubauen und den Freiheitszustand wieder herzustellen sowie die bedrohte oder verlorene Alternative aufzuwerten. „Bei diesem Versuch kann allerhand passieren: Aktives Bemühen um den unzugänglichen Artikel, ‚Jetzt erst recht‘, Aggression, Trotz, Ärger, Abwertung oder Meidung des Geschäfts.““

Na, das klingt doch schon besser. Mit ordentlich Zeitdruck bei der Abstimmung wird mein Thema schon durchkommen. Das bisserl Ärger von den Idioten, die es eh nicht kapieren, ist uns das Thema doch wert! Immerhin kommen wir so in den Bundestag ™. Jetzt muss es schnell gehen, sonst ist die Partei am Ende!

Und nächste Woche beschäftigen wir uns dann mit einem weiteren spannenden psikolohgischen Thema: der kognitiven Dissonanz. Krieg ist Frieden! Tod ist Freiheit! Danke für eure Aufmerksamkeit.

Voll wichtige Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Reaktanz_(Psychologie)

Und noch was zur Klimalüge, was nicht hierher passt, mir aber total wichtig ist!

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